Werbinich : Struktur statt stur

Ferienkurse sind nicht nur dazu da, Wissen zu pauken. Damit man den Unterrichtsstoff besser behält, sollte man lernen,wie man lernt

Simone Leinkauf

In Frankreich kann man in jedem Supermarkt Lernhefte kaufen, in denen die Schüler ihre Fortschritte beim Pauken in den Ferien dokumentieren. So kann zumindest jeder so tun, als sei er ganz fleißig gewesen. In Deutschland ist Mogeln schwieriger. Denn wer in den Ferien büffeln muss, tut das in der Regel unter Aufsicht – in einem der vielen Ferienkurse.

So wie Tristan und Phillip. Jeden Morgen versuchen sie vier Stunden in einem „Mind unlimited“-Kurs ihre Schwächen des vergangenen Schuljahres aufzuholen und lernen vor allem, wie man lernt: Wilfried Helms, der Leiter der „Mind unlimited“-Ferienkurse, bringt Schülern seit 20 Jahren erfolgreich „Lernmethodik“ bei. Ihm geht es nicht darum, dass die Kinder den Unterrichtsstoff stur pauken, sondern dass sie lernen, wie man sich selbstständig und strukturiert ein Thema erarbeitet, zum Beispiel mit Zeitplan und Lernkartei. Dadurch ist es auch leichter, das Wissen dauerhaft zu speichern oder schnell wieder aufzufrischen. Und was fast unmöglich erscheint: Selbst Kinder, die zuvor nur unter Protest zur Schule gingen, haben Spaß und maulen nicht, wenn in den Ferien Mathe und Englisch auf dem Stundenplan stehen.

Der 13-jährige Phillip besucht den dritten Kurs bei „Mind unlimited“, seine Schwester ist zum zweiten Mal im nahe Berlin gelegenen Rangsdorf. Ihre Mutter ist überzeugt von dem Lerneffekt, schon allein, weil sich sechs Betreuer um 30 Kinder kümmern, zum großen Teil Lehramtsstudenten. „Die sind sehr motiviert und haben Freude an dem, was sie tun“, sagt die Mutter. „Und sie sind so jung, dass sie auf Kindern nicht als Pauker, sondern als Vorbilder wirken.“ Beim Abschied fließen sogar Tränen. Es sind längst nicht nur schwache Schüler, die in den „Mind unlimited-Kursen“ gemeinsam lernen und nachmittags Fußball spielen.

Anders sieht es in den Lerntherapien aus, welche die Paetec Institute während des Jahres und auch in den Ferien anbieten: Hier wird ausschließlich Kindern mit Lernstörungen geholfen, ob es sich um eine Matheschwäche, um Rechtschreibprobleme oder Schwierigkeiten mit Englisch handelt. „Die Voraussetzung für den Erfolg der Lerntherapie ist eine Diagnose der Lernschwierigkeiten“, sagt Werner Stoye vom Berliner Paetec Institut. Auf der Grundlage eines ausführlichen Gesprächs mit dem Kind und den Eltern wird ein Therapieplan erstellt, der neben dem Intensivkurs oft noch für eine längere Zeit eine wöchentliche Therapiestunde vorsieht. Stoye und seine Kollegen bauen Übungen aus der Ergo-, Spiel- und Gesprächstherapie in die Unterrichtsstunden mit ein. Dabei arbeiten sie höchstens mit zwei Kindern parallel.

Weniger therapeutisch, dafür aber auch billiger helfen die beiden größten Nachhilfeorganisationen in den Ferien: Sowohl der Studienkreis als auch die Schülerhilfe bereiten die Schüler in Intensivkursen auf die Nachprüfungen zum Ferienende vor, die es „Sitzenbleibern“ nun ermöglicht, doch noch versetzt zu werden. Rund 70 Prozent der Schüler, die an solchen Kursen teilnehmen, bestehen im Anschluss die Nachprüfung. Klappt es trotz der intensiven Vorbereitung nicht, versüßt der Studienkreis den Teilnehmern die bittere Pille. Sie bekommen die Hälfte der Kursgebühr zurück. Tsp

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