Studienfachwahl : Das Ziel ist der Weg

Erst kommt das Abi, dann die Selbstfindung. Und was danach? Von der langen Suche nach dem geeigneten Studienfach.

Eva Hoffmann
Und was nun? Nach dem Abitur stehen einem alle Wege offen. Schwierig wird es, wenn man nicht weiß, in welche Richtung man gehen soll. Für manch einen setzt sich der Irrweg dann in der Silberlaube der Freien Universität fort. Aber das ist eine andere Geschichte.
Und was nun? Nach dem Abitur stehen einem alle Wege offen. Schwierig wird es, wenn man nicht weiß, in welche Richtung man gehen...

„Und was willst du nach dem Abi machen?“ Diese Frage wird einem während des letzten Schuljahres gefühlte tausend Mal gestellt – und zwar von allen: von Eltern, Großeltern, Bekannten, von Freunden und sogar von Fremden, die anscheinend nichts sehnlicher interessiert als die Zukunftswünsche der Jugend. Die Reaktion auf diese Frage ist eigentlich immer dieselbe: herumdrucksen, weggucken, so was nuscheln wie „irgendwas mit Menschen“ und dann zusehen, dass man das Thema wechselt.

So geht es vermutlich auch vielen der 13 850 Schüler in Berlin, die zur Zeit an den Abiturprüfungen teilnehmen. Und die, wenn sie sich denn gleich für das kommende Wintersemester an der Uni einschreiben wollen, nur noch wenige Wochen Zeit haben, sich für einen Studiengang zu entscheiden – an den meisten Hochschulen enden Mitte Juli die Bewerbungsfristen.

Glück hat, wer Arzt, Anwalt oder Architekt werden will, für den ist der Weg sichtbar und die Wahl des Studiengangs klar. Dass man für bestimmte Fächer einen guten Durchschnitt haben muss, ist heutzutage ein zu vernachlässigender Punkt, schließlich kann man im Ausland studieren, dort, wo kein Numerus Clausus erforderlich ist. Nur verkleinert das weder die Auswahl, noch hilft es beim Ausschlussverfahren. Und so bleibt es bei den meisten vorerst beim hingenuschelten „etwas mit Menschen“. Bloß nicht festlegen – so als ob, wenn man etwas einmal konkret ausspricht, es auch wirklich in Erfüllung geht.

Für viele ist nach dem Abitur eine Auszeit selbstverständlich, sie soll der Selbstfindung und dem Müßiggang dienen, so bei mir, nachdem ich im vergangenen Jahr die letzte Prüfung hinter mir hatte. Zunächst stellte sich bei mir eine Phase der Erleichterung ein: Nie wieder Schule! Nie wieder lernen! Nie wieder früh aufstehen! Ich blieb bis mittags im Bett, traf nachmittags Freunde, ging abends aus. Nie hätte ich gedacht, dass dauerhaftes „Rumhängen“ nach einer Weile langweilig werden kann. Doch nach einem halben Jahr fehlte mir die geistige Beschäftigung. Und eine Struktur. Ein Ziel sowieso. Als das immer unerträglicher wurde, kam ich nicht mehr umhin: Ich machte mir Gedanken. Gedanken darüber, wie es künftig weitergehen sollte.

Glück hat, er Arzt oder Anwalt werden will: Die Wahl des Fachs ist klar

Da mein erstes Nachdenken mich nicht groß weiterbrachte, sondern allerlei Unfug zu Tage förderte (gibt es einen Reich-und-berühmt-Studiengang?) besorgte ich mir einen Termin bei der Arbeitsagentur. In einem staubigen Büro saß ich meinem Berater ungefähr eine halbe Stunde gegenüber und war danach nicht schlauer als vorher. Natürlich hatte ich mich ein bisschen vorbereitet – aber anscheinend ging ich damit übereifrig vor: Ich schien mehr zu wissen als der Mann von der Arbeitsagentur, denn konkrete Fragen zu Studiengängen konnte er mir nicht beantworten – ich ihm schon. Gelangweilt verwies er mich auf Suchmaschinen im Internet. Google sei da ein heißer Tipp. Ich hatte bereits geahnt, dass das Arbeitsamt kein Ort der Erleuchtung ist. Trotzdem hatte ich mir von der Beratung ein bisschen mehr Erkenntnisgewinn versprochen.

Der konkreteste Ratschlag, den ich mit nach Hause nahm, war der, mich auf meine Stärken zu besinnen. Aber das rät Dieter Bohlen jedem Kandidaten bei „Deutschland sucht den Superstar“ auch. Selbst dann, wenn es erkennbar keine Stärken gibt. Mich beschlich der Verdacht, dass mir Freunde und Familie eher weiterhelfen konnten. Doch wen immer ich auch um Rat fragte, von wem auch immer ich mir einen Hinweis versprach – als Antwort bekam ich stets zu hören: „Mach doch irgendwas mit Menschen.“

Mir wurde klar, dass ich mein späteres Betätigungsfeld stärker eingrenzen musste, um zu einer Entscheidung zu kommen. Wenn man bei Google den Suchbegriff „Studienfächer“ eingibt, erscheinen mehr als 400 000 Treffer. Immer noch weniger, als wenn man „Menschen“ eintippt. Es gibt Foren, auf denen über die Zukunftsfähigkeit bestimmter Studiengänge diskutiert wird; es gibt Seiten mit komplizierten Uni-Rankings; die Suchanfrage „studieren leicht gemacht“ stiftet leider nur noch mehr Verwirrung.

Ich versuchte, die Wahl meines Studiums anhand von Uni-Bewertungen und Städten zu treffen. Dank dieser Vorgehensweise standen auf meinem Zettel bald zehn Unis, die ich systematisch abtelefonierte. Gut möglich, dass die Erfindung der telefonischen Studienberatung eine feine Sache ist – wenn man denn weiß, was man gern studieren würde. So hörte ich quasi durch die Telefonleitung, wie die Berater den Kopf schüttelten, als ich ihnen meine Idee von „etwas mit Menschen“ vorstellte. Mir wurden Stichworte wie Sozialpädagogik, Ethnologie und Soziologie genannt, eine Frau riet mir zum Medizinstudium. Nach den zehn Telefonaten war ich genau so schlau wie vorher.

Der Berater im Jobcenter hat keinen Schimmer. Er empfiehlt Google

Da auch die Studienberatung vergebens war, gab es für mich nur noch eine Lösung: Ich musste mit Studenten ins Gespräch kommen und sie zu ihren Erfahrungen befragen. In Berlin war das kein Problem, ich konnte mich locker in eine Vorlesung schummeln und anschließend mit den Teilnehmern plaudern. Sie gaben mir bereitwillig Auskunft über Professoren, Fächer und schlechtes Mensaessen. Weil aber die Studienwahl eine Entscheidung ist, die schätzungsweise die nächsten 50 Jahre meines Lebens beeinflussen wird, wollte ich mich nicht auf Berlin und die Meinung einiger Nörgler beschränken.

Ich stellte mir einen straffen Terminplan auf, um Unis in ganz Deutschland in möglichst kurzer Zeit unter die Lupe zu nehmen. Es war ein guter Vorwand, um nebenbei eine kleine Deutschlandtour zu unternehmen. Einigen meiner Freunde ging es ähnlich und so stand unserer Reisegruppe nichts mehr im Weg. Los ging es in Weimar, wo zwar viel Kultur zu sehen war, dafür aber kaum Studenten. In Heidelberg sah das schon anders aus. Aus historischen Häusern winkten uns förmlich die Bruderschaften und Verbindungen, die scheinbar immer noch einen großen Einfluss auf das Uni-Geschehen haben, zu. Das war mir dann doch zu unheimlich, am Ende muss ich mich noch im Fechten beweisen, um aufgenommen zu werde. An Freiburg, der Stadt mit dem meisten Sonnenschein Deutschlands, fand ich zunächst nichts auszusetzen. Als ich dann aber mit Einwohnern sprach, fiel mir eine kleine Tatsache auf, die sich als problematisch gestalten könnte: ein Schwäbischer Akzent, den ich nur schwerlich ernst nehmen konnte.

Trotzdem bestätigten mich die vielen Gespräche und Bekanntschaften nach meiner Uni-Tour einmal mehr, „etwas mit Menschen“ zu machen. Nach all den Nachforschungen bin ich noch immer völlig überflutet von dem Angebot, das sich mir eröffnet hat. Die Suche war lang, aber aufschlussreich. Ich weiß jetzt, dass nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland voller Möglichkeiten ist, egal welchen Abitur-Durchschnitt man hat.

Meine Taktik ist jetzt, das Schicksal entscheiden zu lassen. Ich werde mich deutschlandweit für verschiedene Studienfächer bewerben – von Kommunikationswissenschaften über Kulturwissenschaften bis Medienmanagement. Die Qual der Wahl beginnt von neuem, wenn ich bei mehreren Hochschulen gleichzeitig angenommen werde.

Bei den meisten Studienfächern endet die Bewerbungsfrist Mitte Juli. Danach wird die letzte Phase meiner Suche beginnen, die eindeutig schwerste: das lange Warten. Vermutlich werde ich jeden Morgen hoffnungsvoll zum Briefkasten rennen. Und mich jeden Tag ärgern, wenn keine Post drin ist. Helfen wird mir dann nur eines: mich in Geduld zu üben und den letzten Sommer ohne Lernstress zu genießen.

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