Suizid : Am Ende das Licht

Wenn Freunde sich umbringen, stellen ihre Mitmenschen die Frage: Warum? Und bleiben ratlos.

Ric Graf
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Tunnelblick.Foto: Becker/Bredel

Am Anfang war das Dunkel. Nur das nahm er noch wahr. Es war der letzte Herbst, ein milder und sonniger sogar, aber für ihn gab es nur noch diese Grautöne. Von Tag zu Tag wurde das Grau dunkler. Bis er nur ein düsteres Schwarz fühlte. In sich und für die Welt.

Es gab für Constantin keine hellen Töne mehr: kein Licht, keine Sonne – nur noch einen dunklen Tunnel, aus dem er alleine nicht mehr rauszukommen schien. Er redete weniger, aß nichts, ging nicht mehr feiern, obwohl er doch das Feiern immer so liebte. Constantin ging gerne auf Konzerte, hatte viele Freunde und war noch vor Monaten frisch verliebt. Innerhalb kürzester Zeit war alles hinfällig, alles von einem Gedanken verschlungen: „Es gab nur diesen Ausweg“, stand in seinem Abschiedsbrief geschrieben. Diesem klischeehaften Satz hängte er noch ein lapidares „Sorry“ an. Das gebrauchte er oft, aber meist eher am Rande, als Floskel. Hier hatte es plötzlich eine andere Bedeutung, hier war es wohl mehr.

Ihm tat dieser Schritt leid.

Constantin war 20, als er sich das Leben nahm. Er hatte seine Schule abgebrochen, arbeitete schon eine ganze Weile als Model für verschiedene Modemagazine und feierte sich durch die Welt. Mit 16 nahm er das erste Mal Drogen und die blieben sein ständiger Begleiter. „Ich fühle mich in dieser Welt nicht wohl. Meine Glück finde ich hier nicht“, sagte er einmal seinem guten Freund Pepe, den er noch aus der Schule kennt. Mit einem traurigen Blick erzählte er von all der Sinnlosigkeit, die er in seinem Leben sah. Nichts machte ihn glücklich, nichts konnte er positiv sehen. Er war depressiv und keiner erkannte das: die Eltern nicht, die Freunde nicht und er selbst schon gar nicht. Doch vor diesen Worten hatte er eigentlich noch einen schönen Sommer, wie Pepe, 20, einer guter von Freund von Constantin erzählt. „Ja, er war frisch verliebt und hatte aber sofort Angst, dass dieses Gefühl verloren gehen könnte.“ Und er hatte Recht. Die Liebe hielt nur bis zum Herbst im letzten Jahr.

Und dann kam der Fall. Der Sturz in die Depression. Seine Eltern, zwei erfolgreiche Galeristen konnten mit ihrem Sohn nicht mehr allzu viel anfangen: Sie machten ihm Vorwürfe, dass er die Schule schmiss, dass er Drogen nahm, dass er nur feierte, dass er im Modeln seine Zukunft sah. Doch auch sie merkten in diesem Herbst, dass sie etwas ändern mussten. Aus der Vorwurfshaltung wurde eine Unterstützung. Sie organisierten einen Therapeuten, schickten ihn aufs Land, versorgten ihn mit größter Liebe, obwohl sie ihn vor kurzer Zeit noch rausschmeißen wollten. Doch all das kam bei Constantin nicht mehr an.

Bei Jugendlichen ist Suizid eine der häufigsten Todesursachen. 2005 waren es offiziell 622 junge Leute unter 25, die sich das Leben nahmen. In Berlin wurden im selben Jahr 21Suizide in dieser Altersgruppe gezählt. Die Dunkelziffer ist aber weitaus höher, da viele Suizide nicht gemeldet werden. Auf jeden Suizid kommen statistisch nochmal 20 bis 30 Versuche.

In Berlin kümmert sich die Institution Neuhland um Jugendliche in Krisensituationen. Sie bietet kostenlose Beratungen an und hat eine Wohnung, für Jugendliche in schweren Lebenssituationen eingerichtet. Sigrid Meurer von Neuhland sieht die Tabuisierung von Selbstmord in unserer Gesellschaft sehr skeptisch: „Suizid ist ein Angstthema und so blenden es die meisten komplett aus. Das hilft Menschen in Krisensituationen leider nicht. Viele, die Suizidgedanken kennen, fühlen sich schuldig und alleine.“ Dabei, meint Sigrid Meurer, seien Suizidgedanken weit verbreitet. „Ich glaube, dass viele im jugendlichen Alter diese Gedanken einmal haben: Was ist, wenn ich meinem Leben ein Ende setze?“

Mit Constantin hat nie jemand offen über einen Suizid gesprochen. Auch wenn es viele Signale gab. „Ich mache mir schwere Vorwürfe“, sagt Pepe, der mit ihm zusammen zur Schule ging. Ihn habe das Thema nicht mehr losgelassen. Oft muss er an seinen lieben Freund denken. Und er kann sich sein Schweigen nicht verzeihen.

Sigrid Meurer meint dazu: „Keiner sollte sich Vorwürfe machen, denn für sein Handeln ist jeder Mensch noch alleine verantwortlich.“ Dennoch könne man in den meisten Fällen Signale erkennen: das Abkapseln von Freunden, wenn jemand einen selbstgefährdenden Lebensstil pflege oder wenn jemand eine große Hoffnungslosigkeit ausdrücke. „Diese und andere Signale können zumindest auf suizidale Gedanken hindeuten. Das aber heißt auch noch nicht, dass jeder, der diesen Gedanken hat, auch ernsthaft gefährdet ist.“ Wichtig sei vor allem bei starken Veränderungen und depressivem Verhalten jemanden direkt anzusprechen. „Das kann lebensrettend sein.“

Pepe hält Constantins Abschiedsbrief in der Hand. Die Schrift ist äußerst klar, fast so als hätte er die Buchstaben mit einem Lineal gezeichnet. Sein guter Freund hat auch ein Foto von Constantin dabei – aus glücklichen Tagen. Er lächelt in die Kamera, daneben steht Pepe. Das schulterlange blonde Haar Constantins ist strubbelig. Beide haben ein Bier und eine Zigarette in der Hand und sehen in ihren schwarzen Anzügen wie Rockstars aus. Etwas abgefuckt. Wie Pete Doherty und Kurt Cobain vielleicht: Zwei Typen, die mit ihrem selbstzerstörerischen Lebensstil lebendig und tot zu Ikonen wurden.

Am Ende war das Licht. Zwei Tage vor Weihnachten erfuhr Pepe von Constantins Selbstmord durch eine Tablettenüberdosis. „Eigentlich wollten wir zusammen Silvester feiern.“ Was in den letzten Monaten in Constantins Kopf passierte, weiß keiner so genau. Im Abschiedsbrief stand nur immer wieder „Grau“ und „dunkel“ und „Schwarz“. Und schließlich: „Wenn ich an mein Ende dachte, wurde es hell.“

Constantin nahm sich am frühen Abend das Leben, seine Eltern waren auf der Weihnachtsfeier der Galerie. In der späten Nacht fanden sie ihn. Pepe denkt oft an seinen toten Freund. Auf die Frage, ob er ihm böse sei, lächelt er und sagt: „Nein, ich konnte ihm nie böse sein.“

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