Traumberuf Plattenspieler : Der Wachmeister

Viele wollen gerne DJ werden. Aber was ist so faszinierend am Auflegen? Unser Autor hat Roman Barz alias Spanks! eine Nacht lang begleitet.

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Gut aufgelegt. Auf seine Sets bereitet sich Roman Barz intensiv vor. Foto: Matthias Lill
Gut aufgelegt. Auf seine Sets bereitet sich Roman Barz intensiv vor. Foto: Matthias Lill

Langsam steigt die Hitze in seinem Körper auf. Spanks! legt eine Hand auf das Mischpult, bunte Lichter tanzen vor seinen Augen. Er kann seinen Herzschlag spüren. Vorfreude. Die Gesichter um ihn herum verschwimmen. Er rückt den Kopfhörer zurecht, blickt, mehr ein Zucken des Kopfes, zum Laptop, stellt die Filter ein, drückt die Play-Taste auf dem Midi-Controller und zieht den Fader an den Anschlag. Augen geschlossen. Augen auf. Langsam lässt er den Bass kommen. Das Herz pumpt im Takt der Musik, die über die Menge vor ihm schwappt, in die Glieder fährt, aus offenen Mündern wieder austritt. Spanks! reißt den linken Arm in die Luft. Die Tänzer zappeln im Neonlicht an den Fäden, die er gesponnen hat. Er hat sie in der Hand, für die nächsten zwei Stunden gehören sie ihm.

„Ekstase“, sagt Roman Barz, in Spandau geboren, Berliner aus Sucht, in einer stilleren Minute. Das kühle Licht der Wintersonne fällt auf sein fein gezeichnetes Gesicht. Ekstase beschreibe es am besten. Diesen magischen Moment, „wenn die Leute die Hände in die Luft werfen und ich merke, dass sie einfach Bock haben, mit mir zu feiern.“

An diesem Morgen hat Roman, kariertes Hemd über schmalen Schultern, die Haare als Undercut unter einem Vagabundenhut, den DJ Spanks! jedoch abgestreift, in der Nacht zurückgelassen. Denn eigentlich studiert der 23-Jährige Architektur. Drittes Semester in Erfurt. Und muss heute wieder lernen. Bald beginnt die Klausurenzeit, die Projektphase. Ernsthaftigkeit auf Millimeterpapier. Der Architekt steht ihm gut. Seine Leidenschaft aber gilt der Eskalation im Rausch mit Freunden, seit er mit 17 in den bunten Strudel elektronischer Musik geraten ist.

Damals wurde er an die Hand genommen und entführt. „In eine ganz neue Welt“, erinnert sich Roman, eine Welt, die ihn bis heute nicht mehr loslässt. Der erste Besuch in der Panoramabar über dem Berghain, die erste Platte von Laurent Garnier.

Bald fängt er an, selbst aufzulegen. Zunächst nur aus Spaß. Zwei Plattenspieler, ein Mischpult im Hobbykeller. Die Leidenschaft beginnt zu brennen, der Ehrgeiz wächst. „Ich habe mich immer mehr mit der Materie beschäftigt und war sehr schnell sehr dicke mit der Musik“, sagt er und es scheint, als würde die Musik der Anfänge noch immer in seinem Kopf widerhallen. Das Auflegen ist anfangs dennoch nur ein Spiel. „Es war mit 18 ja überhaupt nicht mein Ziel, DJ zu werden“, erinnert er sich heute.

Doch das ändert sich. Roman nimmt erste Mixtapes auf, die er an Freunde verschenkt. Einige lädt er auch im Internet hoch. Und hat nach ein paar Monaten mehr als 200 Downloads. „Da habe ich gemerkt, dass das, was ich mache, eigentlich ganz gut ankommt.“

Seine ersten Gigs spielte er auf Geburtstagen von Freunden, im Segelclub, in kleinen Spandauer Bars. Hauptsache auflegen, immer weiterspielen. In dieser Zeit lernt er andere DJs kennen, die schon länger in der Nacht der Hauptstadt zu Hause sind. Seine Mixtapes treffen auch hier auf offene Ohren und er kommt zu seinem ersten Auftritt. Im Vcf am Hackeschen Markt. Dreieinhalb Jahre ist das jetzt her. Mittlerweile hat Roman als Spanks! eine Ochsentour durch die Berliner Clubs hinter sich. Postbahnhof, Morlox, MIKZ. Halbe Lauben, dunkle Keller. Ein kräftezehrender Marathon, der unvermeidbar ist, um sich auf die schreiend bunten Line-Ups der Clubs zu spielen.

Denn nur wenige Nachwuchs-DJs schaffen den Sprung auf ein Label, indem sie etwa durch einen ungewöhnlich hochwertigen Remix die Aufmerksamkeit etablierter Künstler auf sich ziehen. Der Rest watet durch das Meer bunter Gleichförmigkeit, das die Clubszene überschwemmt. Weil DJ-Spielen derzeit groß in Mode, Techno längst salonfähige Konsensmusik ist. Nicht mehr nur die Tonspur zum Trip im Tresor. Vielmehr ist Elektro, ähnlich wie HipHop Ende der Neunziger, der Soundtrack einer Großstadtjugend.

Zudem ist der Einstieg heute leichter. Durch die digitale Revolution wurden die Plattenteller von Mp3 und Laptop verdrängt. Und so kann sich jeder, der in der Lage ist, ein DJ-Programm zu installieren, hinter ein Pult stellen und „Gute Laune“ brüllen, während 15-jährige Blumenmädchen mit Glitzer auf den Wangen Seifenblasen nachjagen. DJs, die tatsächlich noch analog spielen, Diamantnadel auf schwarzem Plastik, sind meist anspruchsvolle Anachronisten, die „eine besondere Kunst am Leben halten“, wie Roman sagt. Für ihn ist das Auflegen mit Vinyl immer noch die Kür, mit der man sich abheben kann. Denn darum geht es: ums Auffallen.

Deshalb ist auch Cord Henning Labuhn den Weg der langen Nächte gegangen. Und sagt heute: „Wenn man Fuß fassen will, geht das nur über Präsenz in den Clubs.“ Der 27-Jährige, in Lüdenscheid geboren, Berliner aus Ästhetik, ist eine Hälfte des DJ-Duos Robosonic, das er 2004 mit dem Belgier Sacha Robotti gegründet hat. Noch immer begegnet er diesem rastlosen Nomadendasein mit Ambivalenz, „weil du dich auf der einen Seite mit deinem Stil von der Masse abheben, gleichzeitig aber darauf achten musst, dich nicht zu schnell zu verbrauchen.“

Die Gefahr, sich selbst zu überspielen, ist groß, jedoch nicht die einzige Herausforderung auf dem langen Weg in die Clubs. Eine andere liegt im Wesen der Anfänge des Auflegens als Hobby und der Unsicherheit, als DJ überhaupt Geld verdienen zu können.

„Ich war von Beginn an sicher, dass ich unbedingt Musik machen will“, sagt Cord, während er in dem kleinen Studio sitzt, das er sich derzeit provisorisch in seiner Kreuzberger Wohnung eingerichtet hat. Obwohl er mit „Diskomafia“ früh sein eigenes Label gegründet hat, bleibt die Arbeit mit der Musik lange ganz bewusst nur Passion. Denn: „Ich wollte mir das nicht kaputt machen, indem ich mir von vornherein zu viel ökonomischen Druck auferlege.“ Auch deshalb geht er erst einmal an die Uni, studiert Sozialwissenschaften, dazu Musik und, genau wie Roman, Architektur. „Mein Studium hat mir genug Freiraum gelassen für die Musik“, erinnert er sich. Und doch fehlt lange die Zeit, um die Musik konsequent auf ein professionelles Level zu heben. Deshalb nimmt er sich schließlich eine Auszeit. DJ-Sabbat. In diesen Monaten ohne Universitätsdruck entsteht das 2007 veröffentlichte Album „Sturm und Drang“, mit dem Robosonic der Durchbruch gelingt. Cord macht seinen Abschluss und entscheidet sich endgültig für das Auflegen, für die Arbeit der Nacht als Lebensentwurf.

Roman steht diese Grundsatzentscheidung noch bevor. Ob sich der in Tönen träumende Künstler oder doch der Realist in ihm durchsetzt, werden die nächsten Jahre zeigen. „Das kann man erst sagen, wenn ich meine eigene Musik veröffentliche und sehen kann, wie die ankommt.“ Nach einem kurzen Schweigen schiebt er hinterher: „Natürlich wäre ich lieber Musiker.“

Derzeit will er erst einmal sein Studium beenden. Das Auflegen wird bis dahin ein Hobby bleiben. Auch weil es, sobald eine gewisse Professionalisierung unumgänglich wird, kein Teilzeitprojekt sein kann. Schon jetzt lässt die Doppelbelastung aus Studium und Musik Tage und Nächte ineinander verschwimmen.

Was im flackernden Halbdunkel des Clubs spielerisch leicht wirkt, ist das Ergebnis einer intensiven Vorbereitung. Wochenlang jagt er nachts im Internet, in Blogs und auf Musik-Plattformen, nach immer neuen Tracks, die sich schließlich in sein Klangmosaik fügen. Und auch das Auflegen selbst ist alles andere als bezahltes Feiern. Oft steht Roman in einer Nacht mehrmals hinter den Decks. Erst Warm-Up, dann After-Hour. Musik als Leistungssport.

Auch der Abend im MIKZ hinterlässt Spuren. Den letzten Track verzerrt Spanks! noch einmal, fast ungesund, zu einem Kreischen, entzieht der Menge den Bass und gibt ihn mit einer Verbeugung wieder frei. Schlussakkord. Beifall mischt sich in die Musik. Seine Hände lassen von den Reglern, er wischt sich 120 Minuten Schweiß von der Stirn, zündet sich eine Zigarette an und klappt den Laptop zu. Der Nächste, bitte!

In seinem Gesicht steht, rotfleckig, die Anstrengung. Die Monitorboxen waren zu laut. Jetzt hört er alles nur gedämpft „als hätte ich ein Blatt vor dem Ohr.“ Er drängt Richtung Ausgang. Nur nach draußen. Roman wirft einen Blick auf seine Uhr. Es ist kurz nach fünf. Hinter den Baracken wird es wieder hell. Guten Morgen. In vier Stunden spielt er den nächsten Gig, in einem Club ganz in der Nähe. Seine Nacht hat gerade erst begonnen.

Robosonic legen am Freitag im Festsaal Kreuzberg auf. Spanks! steht nächsten Freitag im MIKZ in der Revaler Straße 99 in Friedrichshain an den Decks

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