Türkisches Leben in Berlin : Zwischen Prophet und Party

Melda Akbas ist eine von vielen jungen Türkinnen, die ein Leben zwischen zwei Kulturen führen Darüber hat sie nun ein Buch geschrieben, für das sie nicht nur gelobt wird

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Voller Terminplan. Andere genießen nach dem Abitur erst mal ihre Freiheit, Melda Akbas geht mit ihrem Buch auf Lesetour. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Voller Terminplan. Andere genießen nach dem Abitur erst mal ihre Freiheit, Melda Akbas geht mit ihrem Buch auf Lesetour. Foto:...

In diesem Café war sie in den vergangenen Monaten häufig. Im „Matilda“ im Kreuzberger Graefe-Kiez traf sich Melda Akbas nach Unterrichtsschluss mit Freunden, die Schule liegt gleich um die Ecke. Es ist ein gemütlicher Treffpunkt, mit durchgesessenen Sofas und alten Stehlampen. Ein bisschen kann man hier die Zeit vergessen.

Zur Begrüßung nimmt Melda erst mal die Kopfhörer ihres iPods aus den Ohren. Sie trägt ein luftiges blaues Oberteil und enge schwarze Jeans, an den Füßen beigefarbene Highheels. In ihren Haaren steckt ein auffälliger Federschmuck, das linke Handgelenk ziert eine silberne Armbanduhr. Sie wirkt etwas abwartend, und man kann es ihr nicht zum Vorwurf machen. Gerade erst ist ihr Buch erschienen, es trägt den Titel „So wie ich will – Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“. An das plötzliche Interesse an ihrer Person muss sich Melda offenbar erst noch gewöhnen.

Das Buch. Melda redet darüber mit einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit. Ihren Freunden hat sie davon zunächst nicht erzählt. Was hätte sie auch sagen sollen? Ich schreibe meine Autobiografie, das klingt ja schon ein wenig abgehoben. Mit gerade mal 18. Aber es hatte sich eben ergeben, so wie sich vieles in ihrem Leben einfach ergeben hat. Zum Beispiel das von ihr mitbegründete Projekt „LOS: Let’s organize something“ vor zwei Jahren, mit dem sie Schüler mit Migrationshintergrund für ehrenamtliche Arbeit begeistern wollte. Unterstützt wurde das Vorhaben von der Türkischen Gemeinde, bei der sie damals ein Ferienpraktikum absolvierte. Dabei kam sie mit deren Vorsitzendem Kenan Kolat ins Gespräch, daraus entwickelte sich dann das Projekt, über das kurz darauf die Medien groß berichteten. So wurde eine Literaturagentur auf Melda aufmerksam. Sie schlug ihr vor, ein Buch über ihr Leben als junge Türkin in Berlin zu schreiben.

Es sei komisch gewesen, in einer so frühen Lebensphase eine Autobiografie zu schreiben, sagt Melda. Vor allem war es stressig, weil die Abgabe des Manuskripts mit den Abiturprüfungen zusammenfiel. Tagsüber lernte sie für die Schule, abends arbeitete sie am Buch. Ihre Eltern ließen sie dabei in Ruhe, obwohl sie sich vielleicht schon denken konnten, dass es ihren eigenen Vorstellungen nicht entsprechen würde. Melda schreibt darin über ihr Verhältnis zum Islam, über Partys, Jungs und ihren ersten Besuch beim Gynäkologen. Vor allem schreibt sie über ihr Leben zwischen zwei Kulturen, über ihre Zerrissenheit zwischen türkischer Tradition und westlichem Lebensstil.

Aufgewachsen ist Melda mit ihrem älteren Bruder in Schöneberg und Charlottenburg. Die Eltern legten schon früh viel Wert auf Bildung und Kontakt zu deutschen Nachbarskindern. Vielleicht auch deshalb ist Melda heute so was wie ein Vorbild für gelungene Integration. Sie selbst fühlt sich in dieser Rolle nicht wohl, „weil mein Weg nicht der einzig mögliche ist und ich bei weitem kein Sprachrohr für alle bin“. Aber natürlich sind da auch immer wieder Vorurteile. So passiert es Melda gelegentlich, dass ihr grenzdebile Fragen gestellt werden. „Duuu spreeechen Deuuutsch?“ ist eine der beliebtesten, eine der Fragen, die Melda am wütendsten macht. Denn tatsächlich spricht sie fließend und akzentfrei. Sie spricht sogar besser Deutsch als Türkisch. Als sie nach der zwölften Klasse an die Robert-Koch-Schule in Kreuzberg wechselte, hielten viele Mitschüler sie für eine Spanierin oder Südamerikanerin. Als Melda in der Hofpause zum ersten Mal Türkisch redete, wurde sie von ihren Klassenkameraden komisch angeguckt.

Von den alten Freunden wurde sie wegen des Wechsels ohnehin für verrückt erklärt. Weil sie die geordneten Verhältnissen am Schiller-Gymnasium in Charlottenburg gegen das Chaos einer sogenannten Problemschule mit 98 Prozent Ausländeranteil eintauschte. Warum sie das gemacht hat? Sie habe einfach mal etwas komplett anderes machen wollen, sagt Melda. „In diesem Jahr habe ich viel gelernt. Vor allem fiel mir auf, dass ich anfangs selbst viele Vorurteile hatte.“

Eine Moschee hat Melda vor anderthalb Jahren zum letzten Mal von innen gesehen, zum Tod ihrer Großmutter. Und Kopftuch trägt sie nur selten. „Die Menschen betrachten mich dann anders, sie verkrampfen. Außerdem mag ich meine Haare“, sagt Melda. Trotzdem sei sie gläubig, „aber ich bin nicht so religiös, dass ich fünfmal am Tag bete“. Zum Thema Sex vor der Ehe hat sie ohnehin eine eigene Meinung, die sie auch offen in ihrem Buch vertritt: „Wenn der Islam also verlangt: kein Sex vor der Ehe, dann sage ich mir: Gut, dann aber auch keine Hausaufgaben vor dem Abitur.“

Ihre Landsleute quittieren solche Aussagen nicht gerade mit Wohlwollen. Melda erzählt, dass ihr in diversen Internetforen gedroht werde und eine türkische Zeitung sogar getitel habe: „Ist das ein türkisches Mädchen?“ Aber damit kann sie leben. Sie weiß, dass viele türkische Freundinnen ein ähnliches Leben führen, und wenn auch nur heimlich.

Eigentlich wollte Melda diesen Sommer von zu Hause ausziehen, mit einer Freundin eine WG gründen. Aber daraus wird vorerst nichts. Die Freundin geht als Au-pair für ein Jahr ins Ausland, und Melda hat die nächsten Monate ohnehin einen vollen Terminkalender. Ab September geht sie auf Lesetour durch Deutschland. Danach will sie entscheiden, was sie studieren wird. Bislang schwankt sie zwischen Jura und Philosophie.

Knapp anderthalb Stunden sind vergangen, nach dem Gespräch laufen wir noch ein bisschen durch den Kiez. Vorbei an kleinen Läden mit kostbarem Trödel. Vorbei an Menschen, die diesen sonnigen Vormittag gemütlich angehen. Nach einer Weile verabschiedet sich Melda. Sie will jetzt noch ihre Mutter auf deren Arbeit besuchen und dann noch mal an ihrer Schule vorbeischauen.

Melda Akbas: „So wie ich will – Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“. Bertelsmann-Verlag, 14,95 Euro.

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