Typologie : Die Schwiegermonster

Diktatoren, Hippies oder scheinbar gute Freunde: Die Eltern der ersten Liebe können einem diese ganz schön vermiesen - eine Typologie.

Elena Senft
schwiegereltern
Kritische Blicke. Die erste Begegnung mit den Schwiegereltern in spe. -Foto: Fotex

DIE DIKTATOREN

Die Haustür wird schon ruckartig aufgerissen, bevor ihr die Klingel des Reihenhauses überhaupt gedrückt habt. Der Vater hat euch nämlich durchs Wohnzimmerfenster bereits kommen sehen, vor dem er seit einer halben Stunde mit verschränkten Armen und Blick auf die Wanduhr ausharrt, um anschließend beim wortkargen Abendessen zu erwähnen, dass er in seinen 40 Berufsjahren kein einziges Mal zu spät gekommen sei. Die Mutter nickt bestätigend und reicht Pellkartoffeln herum. Das Berufs-Stichwort solltest du nutzen, um deinen vorher zurechtgelegten Berufs- und Finanzplan vorzutragen, der es dir ermöglichen wird, die geliebte Tochter bis an ihr Lebensende in gehobenen Verhältnissen glücklich werden zu lassen. Ein einigermaßen erträgliches Verhältnis zu den diktatorischen Eltern aufzubauen, erfordert lange, geduldige, stete Arbeit. Es sich mit ihnen auf ewig zu versauen, geht hingegen sehr schnell: Pfeif doch das nächste Mal einfach in ihrem Beisein deiner Freundin hinterher.

DIE DANKBAREN

Eure Beziehung wird nach dem ersten Elternbesuch nicht mehr so sein wie vorher. Denn irgendwas kann mit deinem neuen Freund nicht stimmen. Sonst würde seine Mutter, die ja eigentlich qua definitionem der größte Fan ihres Sohnes sein sollte, wohl nicht vor dir sitzen, aufgeregt in ihrem rechteckigen Stück Mandarine-Sahne-Kuchen stochern und sagen: „Ich bin so froh, dass der Stefan jetzt jemanden hat!“ Die dankbaren Eltern werden immer wieder positive Seiten ihres Sohnes aufzählen („Der Stefan war ja früher übrigens Leistungssportler“) und du wirst das Gefühl nicht los, dein neuer Freund hätte es nötig, angepriesen zu werden und muss irgendetwas an sich haben, was dafür verantwortlich ist, dass seine Eltern befürchtet hatten, ihr Sohn würde niemals eine Freundin abbekommen. Zum Abschied werden dich die dankbaren Eltern nach deinem Lieblingsgericht fragen, damit sie ihren bescheidenen Beitrag dazu leisten können, dir das Zusammensein mit ihrem Sohn so erträglich wie möglich zu machen. Auf dem Heimweg beobachtest du deinen Freund unauffällig von der Seite.

DIE HIPPIES

Vergesst bitte keinesfalls, euren Besuch mehrfach anzukündigen. Ansonsten kann es passieren, dass ihr die Hippie-Eltern beim Sex überrascht oder beim Kiffen. Die Hippie-Eltern stellen sich mit „Ich bin die Angelika“ respektive „Horst“ vor, werden auch von ihrem eigenen Sohn beim Vornamen genannt und kommen mit dem Satz „Jetzt lass dich erst mal drücken“ auf dich zu. Drücke die Eltern unbedingt herzlich zurück, sonst kommt Angelika auf die Idee, du könntest eine unentspannte Person sein, der man aber mit ein paar Partner-Reiki-Übungen sofort helfen könne. Während Angelika dir den Nachmittag über, versonnen mit einer hennagefärbten Haarsträhne spielend, die Eskapaden ihrer eigenen Jugend erzählt, raucht dein neuer Freund mit seinem Vater selbst gedrehte Zigaretten. Alles ist okay! Wenn du das erste Mal bei deinem Freund übernachtest, wirst du leider beim nächtlichen Toilettengang Horst auf dem Flur treffen. Er wird dabei nackt sein und freundlich grüßen. Am Frühstückstisch sagt er: „Ich hoffe, das mit gestern Nacht geht in Ordnung.“ Dann reicht er dir den Tofu-Brotaufstrich.

DIE GUTEN FREUNDE

Die Eltern dieses Typs sind die Inkarnation des Wolfs im Schafspelz. Sie sind erst freundlich und locker, bieten schnell das „Du“ an und wirken jugendlich und verständnisvoll. Man denkt, alles liefe super! Dann kippt die Stimmung. Denn man wird sofort als festes Familienmitglied eingespannt. Wenn du ein Mädchen bist, wird die Mutter deines Freundes in dir die Tochter sehen, die ihr immer gefehlt hat und dich vor den elterlichen Kleiderschrank zerren, aus dem sie ein weißes Tüll-Ungetüm mit riesigen Puffärmeln zieht. Mit Tränen in den Augen wird sie sagen, dass es ihr eine Ehre sein wird, wenn du ihr altes Hochzeitskleid tragen würdest, wenn es soweit ist, was ja sicherlich sehr bald der Fall sein wird. Oder???? Bist du ein Junge, wirst du ab jetzt deine Samstage damit verbringen, mit einem Kescher Wespen aus dem heimischen, aufblasbaren Pool zu angeln oder mit nacktem Oberkörper die Garageneinfahrt neu zu pflastern. Beim ersten Besuch wirst du bis spät nachts mit den Eltern „quatschen“ und Grappa trinken müssen. Wenn die Mutter betrunken ist, wird sie sich irgendwann zu dir beugen und dir ins Ohr flüstern: „Pssst, mal unter uns Frauen: Wie ist mein Sohnemann denn im Bett?“ Es ist Zeit zu gehen.

DIE SKEPTIKER

Du hast den Eltern deiner neuen Freundin nichts getan. Trotzdem geben sie dir von vornherein das Gefühl, du könntest niemals der Richtige für ihre Tochter sein. Das hat einen einfachen Grund: Ihre Tochter hatte den Richtigen ja bereits gefunden: Ihren Exfreund. Seitdem zwischen den beiden Schluss ist, sind ihre Eltern untröstlich. Erzählt ihr, dass ihr vielleicht im nächsten Jahr zusammen Urlaub in Griechenland machen wollt, sagen sie „Ach schön, da warst du mit dem Tobias ja auch letztes Jahr.“ Erzählst du – um Eindruck zu schinden –, dass du hoffst, im nächsten Semester einen Studienplatz für das Fach Medizin zu bekommen, sagen sie, dass der Tobias diesen Platz ja bereits habe. Probierst du den Rotwein, den du jetzt dringend nötig hast, und sagst weltmännisch, dass es sich um einen exzellenten Tropfen handele, streicht die Mutter zärtlich übers Flaschenetikett und sagt: „Das finde ich auch.“ Du bist erleichtert, ihr seid zum ersten Mal einer Meinung. Dann sagt sie: „Der Wein ist noch vom Tobias. Der hatte nämlich immer ein Gastgeschenk dabei. Ein höflicher junger Mann.“

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