Werbinich : Übelst erfolgreich

Das Dresdener Jugendmagazin „Spiesser“ gibt es bald auch in Berlin. Was uns erwartet? Ein Ortstermin

Esther Kogelboom[Dresden]

Chefredakteur Peter Stawowy ist im Stress. Er beugt sich über einen Computermonitor und wirft einen Blick auf die neue „Spiesser“-Titelseite. Das große Thema in der nächsten Ausgabe wird Europa sein, und es darf sich kein Fehler in die Zeitung schleichen: Die Anzeigen müssen korrekt platziert sein, unter den Fotos muss der Name des richtigen Fotografen stehen, und die Überschriften sollen so klingen, dass der Leser auch Lust hat, den Artikel zu lesen. Insofern unterscheidet sich „Spiesser“ überhaupt nicht von anderen Zeitungen. Aber das Jugendmagazin aus Dresden ist trotzdem ein Spezialfall.

Stawowy erklärt, dass „Spiesser“ vor über zehn Jahren als kleine Schülerzeitung gegründet wurde und inzwischen in den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in jeder Schule und jeder Mc-Donald’s-Filiale herumliegt. Insgesamt verteilen sie ganze 200000 „Spiesser“-Exemplare, und bald sollen es noch mehr werden: Das Jugendmagazin kommt im Sommer auch nach Brandenburg und Berlin. Das Geld für die „Spiesser“-Produktion bezahlen die Firmen, die Anzeigen schalten – deshalb kostet die acht Mal im Jahr erscheinende Zeitung für den Leser nichts. In Zeiten, in denen es vielen erwachsenen Zeitungen und Magazinen wirtschaftlich nicht besonders gut geht, gilt der Erfolg von „Spiesser“ als kleines Wunder.

Braucht Berlin denn überhaupt eine „Bravo“ aus dem Osten? Bei der Frage versteht der Chefredakteur, der mit seinen methusalemischen 33 Jahren Redaktionsältester ist und schon ein paar graue Haare hat, keinen Spaß. Mit der „Bravo“ will er sein Blatt nicht vergleichen. Die Glamour-Welt kommt im „Spiesser“ einfach nicht vor. Keine Klatschgeschichten über amerikanische Stars, die einem sowieso kein Interview geben, keine Sexaufklärung, und natürlich gibt es auch keine grellbunten Poster zum Rausreißen. Dafür steht in „Spiesser“ viel Praktisches: Wie komme ich eigentlich an den Studienplatz für Sozialpädagogik, den Au-Pair-Job oder die Banklehre? Was muss ich bei der Führerscheinprüfung wirklich beachten? Welches Buch lohnt es sich zu lesen? Und natürlich gibt es auch Interviews, dann aber mit deutschen Bands wie „Fettes Brot“, oder mit Politikern aus Dresden. Die Texte sind meistens eher kurz und sollen ein bisschen so sein wie aus dem Magazin „Neon“. So gut sind die Geschichten aber in Wirklichkeit noch nicht.

Peter Stawowy und sein Herausgeber, der 27-jährige Frank Haring, glauben, dass Jugendliche aus dem Osten anders ticken. „Die mögen es, dass unser Heft sie dazu aufruft, aktiv zu werden“, sagt Stawowy. Er könne sich schon vorstellen, die Westjugend zu erreichen, die Träume ähnelten sich schließlich. „Aber die Perspektiven sind übelst unterschiedlich“, sagt er und zitiert eine Umfrage, die besagt, dass über die Hälfte der jugendlichen Ostdeutschen befürchtet, die Heimat für eine Arbeitsstelle verlassen zu müssen. Und dass ihnen das zum Teil große Sorgen mache, viele hätten Angst davor, ganz allein woanders hinzugehen. Da dürfe man nicht den Fehler machen, nur über das Leben in den großen Städten und nicht über die Entvölkerung der ländlichen Regionen im Osten zu berichten.

Voll geschrieben wird „Spiesser“ nicht von alternden Redakteuren, sondern von Praktikanten und freien Mitarbeitern, die alle so jung sind wie die Leser. Peter Stawowy ist stolz auf seine Autoren. „Manche sind richtige kleine Edelfedern“, sagt er, und für einen Moment wirkt er wie ein Vater, der über seine begabten Kinder spricht. Jeder, der gut ist, bekommt in seiner Redaktion eine Chance und schon früh Verantwortung übertragen – ob für den Online-Bereich, die Anzeigenabteilung oder den Vertrieb. Die „Spiesser“ sind sicher, mit dieser Methode ihre Zielgruppe auch zu erreichen: „Unsere Leser verlassen sich darauf: Das ist eine Zeitung, die von hier kommt.“

Als Beispiel für die Aktionslust ihrer Leser erzählen Stawowy und Haring von einem Treffen mit Radioleuten aus Sachsen. Dort gibt es – wie in Berlin – viele Sender, die dauernd mit Jingles nerven und den „größten Hits der 80er und 90er“. Zu der Diskussion seien auch viele „Spiesser“–Leser gekommen. „Die haben die Radioleute übelst fertig gemacht“, sagt der Chefredakteur. („Übelst“ ist übrigens Stawowys Lieblingswort. Ansonsten verachtet er Worte wie „Yo“ und „Hey“.) Die „Individualisierungsmaschine“ der Privatradiosender komme im Osten überhaupt nicht an, das liege an der Vergangenheit, erklärt der „Spiesser“-Chef. Man wolle lieber gemeinsam etwas erreichen und nicht – wie in den „verbrauchten Bundesländern“ – jeder für sich allein. Das mit den „verbrauchten Bundesländern“ hat Pressesprecher Ulf Mehner schnell eingeworfen. Ja, „Spiesser“ hat sogar einen eigenen Pressesprecher, der tapfer Anzugjacke, Hemd und Krawatte trägt. Der Chefredakteur kam vor zwei Jahren aus den „verbrauchten Bundesländern“ und fühlt sich in Dresden inzwischen zu Hause. „Die Leute hier sind ehrlicher mit sich selbst und schüchtern.“ – „Wir leben das Understatement“, ergänzt Mehner.

Vielleicht sieht es daher im „Spiesser“-Haus aus wie in der Wohngemeinschaft nebenan: Alle rennen durcheinander, ständig klingelt ein Handy, die Kaffeetassen sind von Ikea, Vorzimmer gibt es keine, und besonders aufgeräumt ist es auch nicht. Sogar ein Untermieter ist eingezogen: die kleine Redaktion des Stadtmagazins „Prinz“, dessen Lifestyle-Themen und Flirttipps die „Spiesser“ milde belächeln.

Doch seit kurzem gibt es in der WG eine neue Redaktionsregel, die nicht unbedingt bei allen Mitarbeitern gleich gut ankommt. „Wir probieren es mal mit einer Kernarbeitszeit von neun bis 18 Uhr“, sagt der Herausgeber Frank Haring und muss über so viel Strenge lachen. „Wenn jemand nicht kommen kann, muss er sich vorher telefonisch abmelden.“ So ist das, wenn „Spiesser“ erwachsen werden.

www.spiesser.de

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