Umweltschutz : Radikal anders

Hanna Poddig ist Vollzeitaktivistin. Darüber hat sie nun ein Buch geschrieben

Nana Heymann
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Hat gut Lachen. Hanna Poddig ernährt sich vegan - zumeist von Lebensmitteln, die sie aus Müllcontainern von Supermärkten sammelt....Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das Angebot war ziemlich reizvoll. Drei Tage Grönland, Flug umsonst, ein Fotoshooting für ein Frauenmagazin. Die Bilder wären Hanna Poddig egal gewesen, aber in Grönland war sie noch nie, das hätte sie sich gerne mal angeguckt. Hat sie dann aber doch nicht. Denn Hanna lehnte das Angebot ab. Wegen des Fluges und der damit verbunden Umweltbelastung. „Das hätte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können.“

Hanna Poddig, 24, kann vieles nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren. Flüge, Atomkraftwerke, Tierhaltung, Gentechnik oder die Aufrüstung der Bundeswehr zum Beispiel. Über Themen wie diese macht sich jeder vielleicht mal gelegentlich Gedanken. Hanna aber denkt ständig darüber nach, schon seit ihrer Teenager-Zeit. Und nicht nur das: Sie versucht auch, etwas zu unternehmen. Sie organisiert Demonstrationen, hält Vorträge, veranstaltet Workshops. Vor allem aber versucht sie, im Alltag nach ihren Überzeugungen und Grundsätzen zu leben. Hanna bezeichnet sich selbst als Vollzeitaktivistin. Darüber hat sie soeben ein Buch veröffentlicht: „Radikal mutig – Meine Anleitung zum Anderssein.“ Es soll „ein Reiseführer für ein aktivistisches, widerständiges Leben“ sein.

An einem regnerischen Herbstvormittag sind wir mit Hanna zum Gespräch in der Ankerklause in Kreuzberg verabredet. Den Ort hat sie selbst gewählt, „dort komme ich schnell mit dem Fahrrad hin.“ Nun hat sie einen Tee aus frischer Minze bestellt. Den mitgelieferten Honig und Keks schiebt sie zur Seite. „Da könnte Ei drin sein“, sagt Hanna und deutet auf das kleine Gebäckstück. Als Veganerin verzichtet sie komplett auf tierische Produkte. „Weil ich Tierhaltung und Tierausbeutung ablehne“, sagt sie. Ihre dünnen Finger umklammern das Teeglas, während sie erzählt.

Aufgewachsen ist Hanna in der Nähe von Hamburg – drei Atomkraftwerk befanden sich unweit ihres Elternhauses. Brunsbüttel, Krümmel und Stade. Dass sie sich heute für Natur- und Tierschutz engagiert, hat unter anderem damit zu tun. Schon während der Schulzeit arbeitete Hanna fuhr sie zu Demos gegen Castortransporte im Wendland. Und schwänzte dafür den Unterricht. Mit Ankündigung. In einem offenen Brief erklärte sie ihren Lehrern, warum sie es wichtig findet, zu protestieren. Hätte sie es sich leicht machen wollen, hätte sie sich einfach krankschreiben lassen können. Aber das wollte Hanna nicht. Aus Überzeugung. An ihrer Schule galt sie deshalb als Sonderling. „Meine Mitschüler haben mich schon ein bisschen für verrückt gehalten. Aber auch meine Haltung geschätzt.“

Was bei vielen nicht mehr als eine kurze, pubertäre Phase der Rebellion ist, wurde für Hanna zum Lebensinhalt. Entsprechende juristische Konsequenzen inklusive. Wie damals, 2002, nach einer Sitzblockade gegen den Irak-Krieg. „Das war das erste Mal, dass ich mich von der Polizei habe wegtragen lassen.“ Für sie war das ein kleiner Erfolg, eine Bestätigung, ein innerlicher Triumph. Trotz des Verfahrens, das gegen sie eingeleitet, später aber wieder eingestellt wurde.

Ärger mit der Justiz hat Hanna seither immer wieder. Es hält sie aber nicht davon ab, weiterzumachen. Nach dem Abitur absolvierte sie ein freiwilliges ökologisches Jahr bei der Naturschutzorganisation Robin Wood in Hamburg. Verteilte Flugblätter in Fußgängerzonen, diskutierte auf Veranstaltungen, bereitete verschiedene Protestaktionen vor. So bestieg sie einen Tag vor dem Klimagipfel 2006 das Brandenburger Tor, um dort ein Banner aufzuhängen – „Kohle killt Klima“. Später dann organisierte sie eine Demo gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm.

Die Eltern haben Hanna, das Einzelkind, stets unterstützt, auch in brenzligen Situationen. Sie finden es richtig und wichtig, dass sich ihre Tochter für ihre Anliegen einsetzt. Trotzdem gibt es Momente, in denen sie sich Sorgen machen. Typische Elternsorgen. Was wird aus dem Kind? Wird es je einen ordentlichen Beruf ergreifen? Wird es seinen Weg finden? Bislang konnte Hanna sie immer wieder beruhigen.

Über ihre Zukunft macht sie sich keine Sorgen, momentan zumindest nicht. „Es gibt Leute, die sind über Jahrzehnte Vollzeitaktivisten“, sagt sie. Irgendwann etwas anderes zu machen, will sie aber auch nicht kategorisch ausschließen. Nur in die Politik zu gehen, kann sich Hanna nicht vorstellen. „Ich kann mich in einer Parteiendemokratie nicht wiederfinden. Weil ich dann Macht- und Karrierepolitik betreiben müsste, um in Positionen zu kommen, in denen ich was entscheiden kann.“

Ist es nicht schwer, sich so vielen Regeln zu unterwerfen? Macht man sich damit den Alltag nicht komplizierter, als er ohnehin schon ist? Hanna überlegt. Dann sagt sie: „Ich glaube, so viele Regeln sind das gar nicht. Ich würde mich schlechter fühlen, würde ich anders leben. Die Konsequenz vermittelt mir das Gefühl, mich in meiner Haut wohlzufühlen. Es ist ein Mirtreubleiben.“

Vor drei Jahren ist Hanna nach Berlin gezogen. Um eine Artistikausbildung zu absolvieren. Die brach sie nach drei Monaten ab. „Das war nicht meins. Zu wenig Kunst, zu viel Sport.“ Seither ist sie wieder Vollzeitaktivistin. Wie die meisten der anderen elf Mitbewohner, mit denen sie in Neukölln in einer WG lebt. Die Wohnung wird mit Ökostrom versorgt, statt Waschpulver werden Waschnüsse verwendet, das ist ökologischer. Und außerdem ernähren sich alle Mitbewohner zumindest vegetarisch – zumeist aus Mülltonnen. Hanna nennt das „containern“. Sie fischt abgelaufene Waren aus den Müllcontainern von Lebensmittelmärkten.

Erstmals vom Containern erfahren hat sie auf einem Jugendumweltkongress. Teilnehmer erzählten ihr davon. „Ich konnte das zunächst gar nicht glauben.“ Dann zog sie gemeinsam mit ihnen los. Und wurde wütend. Wütend darauf, dass Menschen es fertig bringen, so viele Lebensmittel einfach wegzuwerfen. Seither zieht Hanna in zwei Touren los. Tagsüber zu Fuß zu Läden in der Umgebung. Und zwei Mal wöchentlich nachts mit dem Fahrrad zum Großhandel, auch wenn das vom Sicherheitspersonal nicht gern gesehen wird. „Ich finde immer frisches Gemüse und Obst, seltener Nudeln oder Reis.“ Einmal gab es wochenlang Nougatpralinen, derzeit stapeln sich in der WG-Küche Dutzende Packungen Hefeteig.

Mittlerweile ist Hanna eine Ikone der jungen Protestbewegung, eine Vorzeigeaktivistin. Deshalb bekommt sie auch immer wieder Angebote wie die für das Fotoshooting in Grönland, wird in Talkshows eingeladen. Wohl fühlt sie sich in dieser Rolle nicht. Weil sie lieber handeln, statt reden will.

— Hanna Poddig: 

Radikal mutig. Meine Anleitung zum Anderssein. Rotbuch Verlag, 224 Seiten, 14,90 Euro

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