Werbinich : Und es gibt ihn doch!

Unserer Leserin Käthe Kura imponierte, wie ein Wissenschaftler an Gott glaubte

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Im Januar 1956 machten wir das Abitur: 15 absolute Individualistinnen, die letzte reine Mädchenklasse des Hermann Hesse-Gymnasiums in Kreuzberg. Unsere Klasse war naturwissenschaftlich-mathematisch ausgerichtet. Unseren Mathe- und Physiklehrer hatten wir bereits seit der achten Klasse. Wir nannten ihn „Mecki“ wegen seiner Igel-Frisur.

Er war ein Lehrer mit Leib und Seele, der auch Chemieunterricht erteilte, Englisch und Französisch. Er konnte fließend Griechisch und Latein schreiben und sprechen. Er war darüber hinaus ein Freund Einsteins, was sich auf das Abiturthema in Mathematik auswirkte.

Im Unterricht merkte er sofort, wenn wir geistig abschalteten und seinem Frontalunterricht nicht mehr folgen konnten. Dann brach er mitten im Satz ab, erzählte einen Witz, der uns zu einem befreienden Lachen brachte und beendete danach den begonnenen Satz mit den passenden Worten, ohne den Anfang zu wiederholen.

Er war ihm offenbar auch nicht entgangen, dass wir irgendwann anfingen, an allem zu zweifeln. Nur die rationalen Erklärungen zählten. „Es gibt keinen Gott“ – davon waren wir überzeugt. Und das war nicht zuletzt eine Folge der naturwissenschaftlichen Erklärungen, die er uns selber vermittelt hatte.

Nachdem er eines Tages wieder über Atome, den Urknall und die Entwicklung allen Lebens referiert hatte, fragte er uns plötzlich: „Und wer hat das alles in Gang gesetzt?“ Wir schwiegen. Und wie triumphierend klang seine Antwort: „Es muss also doch einen Gott geben!“ Irgendetwas muss schließlich irgendwann die Dinge angestoßen haben. Mit diesem schlichten Glaubensbekenntnis hat er mich nachhaltig beeindruckt.

Da war ein Naturwissenschaftler, der aus aller Forschung und den daraus gewonnenen Erkenntnissen seinen Glauben gestärkt und eben nicht in Frage gestellt sah. Seine ruhige, souveräne Art, mit der er seinen Glauben gelebt hat, im Einklang mit der Wissenschaft, hat uns allen sehr imponiert.

Dazu kam, dass er eine rundherum positive Ausstrahlung hatte, nie haben wir ihn aggressiv erlebt, nie hat er uns angeschrien, er war immer ein bescheidener Mann. Er war eben mehr als nur ein Mathe- und Physiklehrer, er war ein großer Mensch.

Nach dem Abitur hat Käthe Kura eine Verwaltungslehre absolviert. Heute ist sie 68 Jahre alt.

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