Werbinich : Und es hat Klick gemacht

Flirten im Internet ist etwas für Pragmatiker. Unser Autor hat sich auf Singlebörsen sehr genau umgeschaut

Sebastian Leber

Im Netz geht alles viel einfacher. Das Anmachen, das Rumflirten, und wenn man einen Korb bekommt oder einen peinlichen Spruch reißt, sieht niemand, wie man mit rotem Kopf vor dem Bildschirm sitzt. Notfalls wird einfach der Computer ausgeschaltet.

Nennen wir ihn Benjamin, er will anonym bleiben. Benjamin ist 22 Jahre alt, er studiert Geschichte und flirtet seit zwei Jahren auf Singlebörsen. Ja, er ist solo, seine Freundin hat ihn damals verlassen. Und seitdem, behauptet Benjamin, habe er „mindestens 500 Frauen“ im Netz kennen gelernt, mit ihnen gechattet, geplaudert und sich in die eine oder andere später sogar verliebt.

Männer sind so, sie übertreiben gerne, wenn es um die Liebe geht. Doch die Wahrheit spielt eh keine große Rolle in Internet-Singlebörsen. Ohne Schummeln hat man keine Chance, sagt Benjamin. Zumindest in diesem Punkt sagt er ganz bestimmt die Wahrheit.

Jeder, der sich bei Singlebörsen anmeldet, muss zunächst ein Profil anlegen, eine Art Visitenkarte. Und wenn nun einer Hausmeister bei MTV ist oder nebenberuflich im Callcenter arbeitet, gibt er unter „Beruf“ natürlich „Tätigkeit in der Medienbranche“ an. Vermutlich lässt sich so erklären, warum so viele Manager und Banker mitflirten. Auch Angaben zu Körpergröße und Gewicht werden recht eigenwillig ausgelegt. Und weil die meisten Singlebörsen-Anbieter offiziell auf Volljährigkeit bestehen, sind überraschend viele 18-Jährige dabei.

Zum Online-Flirten braucht man auch ein Pseudonym. Wer schon ewig dabei ist, heißt vielleicht „Stephan“ oder „Sonnenblume“. Wer neu dazukommt und wessen Name schon vergeben ist, muss kreativ sein und sich mit Alternativen wie „Kingstephansuperstar“ oder „Sonnenblume206“ begnügen.

Um eine Gesprächsgrundlage zu schaffen und bloß keine Zeit mit verkrampften Smalltalks zu vergeuden, werden die oberflächlichen Fragen im Voraus in Steckbriefen abgearbeitet. Wovor hast du Angst? Was bedeuten dir Freunde? Magst du Tiere? Manche geben sich richtig Mühe mit ihren Antworten, andere eher nicht: „Knutschkugel-Lydia“ etwa schreibt, dass sie „gut zu Vögeln“ ist.

Die zentrale Frage aber lautet: Zeige ich ein Bild von mir? Dafür spricht, dass bebilderte Seiten eher auffallen. Dagegen spricht, dass die Fotos abschrecken oder von den eigenen Kumpels entdeckt werden können. Oder vom Mitbewohner. Im schlimmsten Fall sogar von der Freundin. Der Auszubildende Frank etwa, auch schon mit langer Singlebörsen-Erfahrung, geht den Mittelweg und präsentiert sich häppchenweise: Auf dem einen Bild zeigt er die Augen, auf dem anderen seinen Mund, auf dem dritten die Nase.

Unzählige Mädchen und Jungs flirten im Netz, und dennoch ist nicht alles so einfach wie das Ausfüllen des Fragebogens. Frank zum Beispiel sagt, dass er seine Traumfrau nach zwei Jahren immer noch nicht gefunden hat. Da war mal „Darkside55“, die erst interessiert schien, sich dann jedoch nicht mehr meldete. Da war „HankeBerlin“, die nach Wochen des angeregten Plauderns „Phil Collins“ als ihren Lieblingssänger nannte und damit in der Attraktivitäts-Skala weit nach unten fiel. Und da war „Süßmich34“, die Frank unheimlich sexy fand, bis sich die beiden auf einen Kaffee verabredeten: Da wusste er nicht, was er sagen sollte, und wünschte sich Tastatur, Bildschirm und Off-Knopf herbei.

Singlebörsen im Internet sind hilfreich für schüchterne Leute, die sich nicht trauen, in der Disko einen Jungen oder ein Mädchen anzusprechen. Sie sind aber auch hilfreich aus ganz anderen Gründen: Man muss zum Beispiel keine teuren Drinks in Bars ausgeben und bei viel zu lauter Musik herumschreien. Man muss sich vorher auch nicht stundenlang schminken oder sonst wie herausputzen, sondern kann sich ganz lässig in Trainingshose und Wollpullover an die Tastatur setzen. Und: Man ist am nächsten Morgen lange nicht so müde wie nach einer durchzechten Nacht.

Online-Flirten ist also auch etwas für Pragmatiker. Allerdings kostet es ein bisschen Geld, wenn auch meist nur die Jungs. Mal sind es zehn Euro, mal zwanzig Euro im Monat. Frauen, die Frauen suchen, müssen übrigens auch zahlen. Männersuchende Männer dagegen können sich leicht um die Gebühr drücken, indem sie sich als Frauen ausgeben – was dann spätestens beim Foto mit Stoppelbart auffällt.

Die Macher der Singlebörsen behaupten: Ja, man kann sich richtig verlieben. Die Internetseite www.neu.de präsentiert jeden Monat Paare, die sich im Netz gefunden haben wollen. Im August sind das zum Beispiel „Nicolas26“ und „Sweetkrümel“; die beiden schreiben, dass sie sich „perfekt ergänzen“ würden. Und „Blume30“ und „Sascha73“ wollen demnächst sogar zusammenziehen.

Auf der Suche nach dem Traumpartner geht es teilweise ruppig zu: Wer nicht einsehen will, dass er keine Chance hat, wird kurzerhand mit dem Stopp-Button bestraft – dann kommen keine Nachrichten mehr bei dem anderen an. So macht es zum Beispiel Kerstin aus Mitte ständig: Das sei oft die einzige Möglichkeit, „schaurige Möchtegern-Casanovas“ zum Schweigen zu bringen. Vor allem „billige, selbst geschriebene Gedichte“ nerven sie. Kerstin sucht einen großen Mann, Typen unter 1,90 Meter haben genauso wenig Chancen wie Raucher. Außerdem darf er nicht weiter als eine Autostunde entfernt wohnen. Große Naturburschen aus Bayern brauchen sich also keine Hoffnungen machen.

So ein bisschen würde ja der Geschichtsstudent Benjamin diese Kriterien erfüllen. Trotz seiner „ mindestens 500“ Bekanntschaften ist er noch immer auf der Suche, allerdings geht er dabei inzwischen ziemlich abgeklärt vor. Weil sich die Flirts doch sehr ähneln, hat er sich ein Word-Dokument mit Standardfragen, Standardantworten, Standardanmachen angelegt. Etwa: „Welche Musik hörst du gerade?“ Oder: „Hast du auch schon verrückte Leute kennen gelernt?“ Seine Lieblingsanrede lautet: „Hey, dein Profil gefällt mir. Du wirkst nicht so wie die ganzen anderen hier“. Kreativ ist das nicht, dafür gewinnt er Zeit. Benjamin muss die Sätze nur kopieren und den Namen des jeweiligen Mädchens einfügen, dann kann es losgehen mit dem Flirten.

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