Werbinich : Und wieder allein

Viele Singles leben zwischen Einsamkeit und Euphorie. Sie genießen ihre Freiheit, feiern - und verzweifeln daran

Mara Braun,Ric Graf
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Einsame Euphorie: Singles und ihre ständige Suche.Foto: dpa

Als ich mich in der Uni in den Typen verknallte, mit dem ich bis ans Ende der Welt gelaufen wäre, waren quasi alle meine engeren Freunde solo – nur ich plötzlich nicht mehr. Dreieinhalb turbulente Beziehungsjahre später wollte ich nirgendwo mehr mit ihm hinlaufen, stattdessen lieber ganz weit weg von ihm – und trennte mich. Damals gab es in meinem Freundes- und Bekanntenkreis keinen einzigen Single mehr – nur ich war plötzlich wieder solo. Wenn einem selbst gerade die Flucht aus dem Vorhof zur Hölle geglückt ist, alle anderen aber noch annähernd frisch verliebt sind, prallen naturgemäß Welten aufeinander. Wollten meine Freunde ihre Wochenenden mit der besseren Hälfte verbringen, zog es mich mit fast vergessener Vehemenz aus dem Haus. Ohne die Fesseln der abgestreiften Beziehung ließ sich täglich die Welt erobern – und ich war ihr Kolumbus.

Es muss genau diese erste, rauschhafte Phase des Singlelebens sein, in der sich in unseren Köpfen der Irrtum festsetzt, wir hätten es mit der idealen Lebensform zu tun. Ein Wunder ist das nicht, denn eine gescheiterte Beziehung lässt Wunden zurück, von denen der Blick zurück nicht abzulenken vermag. Also tauschen wir ihn gegen den Sprint nach vorn, und bügeln mit heißer Verklärung über die Falten, die der Ex uns ins Herz geschlagen hat. „Ich kann jetzt machen W-A-S ich will!“ lautet der Spruch, mit dem der neu erworbene Status gern verklärt wird. Zugleich offenbart der Satz eine Kunst, die jeder Single beherrscht: Selbsttäuschung. Denn während die Euphorie der ersten Wochen wahrhaftig ist und aufregend, schleichen sich mit der Zeit ganz natürlich Sehnsüchte nach Zweisamkeit und Nähe zurück – und oft erschreckend schnell. Weil man das weder sich, noch dem Rest der Welt eingestehen mag, beginnt man dem angeblichen Vorteil des Singledaseins nachzuspüren.

Wer solo ist kann machen was er will, also auch schlafen mit wem er möchte, – soweit die Theorie. Meine Freundin A. gehört zu denen, die diesen Umstand stets positiv hervorheben. Ihren „X Männer in Y Tagen“ Rekord erzielte A. einst an Fasching, sieben Jungs fanden während der tollen Tage den Weg zwischen ihre Schenkel. „Das war super!“, befand sie später, und ich erinnere mich, in ihrem Gesicht nach Anzeichen dafür gesucht zu haben, dass sie scherzte. Und daran, dass ich die nicht fand, nur immer wieder diesen Satz hörte, wie ein Gebet: „Ich kann schlafen, mit wem ich will!“ Die Aussage mag an sich nicht falsch sein, und doch beschreibt sie bloß die halbe Wahrheit.

Denn wie genau sieht „Ich kann schlafen mit wem ich will!“ dann in der Realität aus? Statt spontan der Lust nachzugeben, die ich auf den Menschen verspüre, mit dem ich mein Leben teile, kann ich mit meinem Trieb samstagabends durch die Clubs pilgern und hoffen, dass mir dort jemand über den Weg läuft, auf den mein Lustzentrum positiv reagiert. Sollte das nicht klappen, kann ich immer noch Unmengen Geld für Alkohol ausgeben, um besagtes Zentrum milde zu stimmen – und am Ende einen mit zu mir nehmen, der mir am nächsten Morgen höchstwahrscheinlich peinlich sein wird.

Meine liierten Freunde sind zur selben Stunde längst mittendrin statt nur dabei, da sie sich den Umweg über die Clubs sparen konnten und direkt auf der heimischen Couch übereinander hergefallen sind. Möglicherweise haben sie zwar furchtbar langweiligen Gewohnheitssex, aber egal wie sind sie zu diesem Zeitpunkt der Nacht sicher entspannter als ich. Egal, ob ich am Ende mit dem heißen Barkeeper oder seinem lahmen Ersatz in den Federn lande, habe ich als nächstes das Vergnügen, mich vor einem völligen Fremden auszuziehen. Abhängig davon, wie ich gerade mit meiner Optik im Reinen bin und beeinflusst von den Mengen an Alkohol, die beim erweiterten Vorspiel (Club, Heimweg, Wohnzimmer) geflossen sind, kann das wahnsinnig spannend oder total desaströs werden. Aber hey, ich will nicht meckern, ich darf schließlich schlafen mit wem ich will!

Zweiter Szenenwechsel zu meinen liierten Freunden, die kuscheln sich mittlerweile bereits an ihren Herzmenschen. Angenehm satt vom geregelten Sexualleben mit Dauerpartner (mag es zuweilen auch etwas fade sein) dösen sie in Richtung Schlaf und Pärchensonntag.

Während am nächsten Morgen in unzähligen Betten Menschen wach werden, die mehr als nur ein Zufall oder der letzte Schuss Jägermeister zusammengeführt hat, liegt neben dem Single noch immer ein Fremder. Wenn in Pärchenwohnungen oder WGs einander vertraute Hände mit routinierten Griffen Kaffee kochen und Nutellagläser aufschrauben, fischen andernorts nackte Arme verlegte Kleidungsstücke unter abgekühlten Bettdecken hervor und dann schleichen sich Glückstreffer und Fehlgriffe der vorangegangenen Nacht aus fremden Häusern und tippen auf dem Heimweg verkaterte SMS an den Kumpel oder die beste Freundin. Und dann landet man im miesen Herbst, trinkt einen Latte Macchiato im Lieblingscafé und begreift die Lage: Es ist eine komische Euphorie, die ein Single lebt. Ein Hauch von Freiheit gibt einem ständig das Gefühl, alles sei möglich, aber im Grunde, bleibt die Einsamkeit. Es ist eine einsame Euphorie. Manchmal sogar verdammt einsame. Und wenn man sich dann noch im Café umblickt und es schon nachmittags zu dämmern beginnt und man wieder nur knutschende Paare sieht, wird wohl vielen klar: Vielleicht ist es doch schöner nur die Shorts eines Typen jeden Morgen aus dem Bett zu fischen und sie ihm die Hand zu drücken, wenn er aus der Dusche kommt.

Der Wunsch bleibt, irgendwo da draußen dem einen zu begegnen, der nach all der Zeit wieder das Herz berührt. Die Erkenntnis ist vielleicht etwas schmerzhaft, aber die Selbsttäuschung als Single hat ein jähes Ende und der Tanz auf fremden Betten hat, wenn man ehrlich ist, nicht wirklich gefallen oder gar glücklich gemacht. Es gibt keinen Ersatz für die Liebe - auch wenn man sich dafür erst auf die Schliche kommen muss. Aber das ist ein weiter Weg. Und bis man das begreift, wird man viele Nächte in den Clubs vertanzen, unzählige Betten kennen lernen, suchen und finden und wieder verlieren. Aber der ständige Begleiter wird eines sein: die Sehnsucht.

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