Unter 18 : „Nee, sorry, da müssten Sie mal im Internet gucken“

Was soll man darauf antworten? Heutzutage hat praktisch jeder Internet, und bisher entstanden auch fast all meine Referate, ohne dass ich überhaupt vom Stuhl aufzustehen brauchte. Wikipedia ist der beste Freund und dank Google Images entsteht eine hübsche PowerPoint-Präsentation in einer halben Stunde.

Sonja Radde
Sonja Radde versucht nicht sehr seriös zu gucken.
Sonja Radde versucht nicht sehr seriös zu gucken.Foto: privat

Weswegen auch der Bibliothekar der Stadtbibliothek am Telefon recht erstaunt klang, als ich seine Frage verneinte und ihn bat, mir die Nummer der Staatsbibliothek durchzugeben. Meine Aufgabe lautete, ein Referat ganz ohne Internet zu gestalten. Damit ich gar nicht erst in Versuchung käme, ließ ich auch den Computer immer aus. Die Nummer unserer Bibliothek in Rudow fand ich auf einem alten Ausleihzettel. Die Idee, zu Literatursuche die Staatsbibliothek zu besuchen, musste ich kurzfristig verwerfen, weil man dort leider erst ab achtzehn ausleihen darf - gut, dass ich noch mal angerufen hatte.

Mein nächstes Ziel war die Neuköllner Stadtbibliothek. Höflich fragte ich am Schalter nach Büchern über das Down-Syndrom. Leider waren diese alle verliehen, und während die Dame mir freundlich nahelegte, vielleicht doch noch mal in der Kinderabteilung zu schauen, setzte ich gedanklich einen weiteren Pluspunkt für das Internet auf meine Liste. Kopieren ist eine großartige Sache.

Langsam wurde die Zeit knapp, und ich hatte einen schwachen Moment, wo ich schon beinahe Google Maps geöffnet hätte, um mich nach weiteren nahe gelegenen Bibliotheken zu erkunden. Ein Berlin-Reiseführer schlug dann die Amerikanische Gedenkbibliothek vor. Dort angekommen, wurde ich endlich fündig. Zwar gibt es keine Medizinabteilung, aber eine pädagogische, wo auch einige passende Bücher stehen, und ich kopierte mir noch was aus verschiedenen Lexika -  jetzt hatte ich endlich wenigstens mein Material zusammen.

Gleich nach den ersten Seiten musste ich meine Vermutung zurücknehmen, im Internet sei es viel wahrscheinlicher, an falsche oder politisch inkorrekte Informationen zu kommen. Ein Lexikon von 1996 beschreibt das Down-Syndrom immer noch als „Schwachsinn“ und als „Mongolismus“. Trotzdem war ich schon bald in einem Stapel aus handschriftlichen Notizen, schlechten Kopien und aufgeschlagenen Büchern vertieft. Wo man sonst am Computer einfach nur die wichtigsten Infos rausgeschrieben und dann hinterher bequem verschoben, sortiert und höchstwahrscheinlich ordentlich gekürzt hätte, hatte ich nach einer Stunde einen wilden Haufen Notizen in der Länge von vielleicht fünf Sprechminuten. Vage sortierte ich die Gedanken auf Karteikarten und schrieb mir noch weitere ungeklärte Fragen auf.

Das größte Problem stellte die komplexe genetische Entstehung dar, die in meinen pädagogisch orientierten Büchern nur wenig erklärt wurde. Mithilfe von Biobüchern und einem schlauen großen Bruder reimte ich mir fast alles selbst zusammen, in der Hoffnung, dass das auch richtig sein würde. Durch das viele handschriftliche Kopieren und mehrmalige Durchlesen hatte ich dafür dann nach drei Tagen aber auch endlich das Gefühl, alles tatsächlich verstanden und gelernt zu haben. Anstatt irgendwelchen komplizierten Kauderwelsch von unbekannten Autoren aus dem Internet zu wiederholen, fühlte ich mich tatsächlich so, als wüsste ich, worum es geht. Ich war in der Lage, Fragen frei zu beantworten und mir eine fantastische Gliederung einfallen zu lassen. Alles, was jetzt noch fehlte, waren Bilder.

Meine erste Idee war, ein Plakat und Folien zu benutzen. Zwar haben wir einen Laserdrucker zu Hause, da der aber mit dem Computer verbunden ist, fuhr ich einmal mit meinen Büchern und Kopien zum Copyshop und ließ mir die Bilder teuer vergrößern und auf Folie drucken. Ich malte ein Plakat mit den wichtigsten medizinischen Infos und schrieb einige meiner Quellen auf eine weitere Extra-Folie - ein paar ließ ich auch weg, das wäre mir mit den ganzen Biobüchern zu viel Arbeit geworden. Gut vorbereitet für den nächsten Tag ging ich ins Bett.

Am Morgen in der Schule war ich dann doch etwas aufgeregt: Was, wenn ich was Falsches erzähle? Plötzlich kamen mir die Bücher als Quellen weniger vertrauenswürdig vor als das Internet. Ich schrieb meine Gliederung an die Tafel. Was, wenn ein Plakat als altmodisch gilt? Oder wenn ich etwas Wichtiges vergessen habe?

Als ich anfing zu sprechen, wurden meine Klassenkameraden still. Alles klappte wie am Schnürchen. Während ich sprach, hätte man eine Stecknadel fallen hören können und ich konnte alle Fragen beantworten. Es war perfekt. Ich setzte mich wieder und ein ganz neues Gefühl überschüttete mich. Nicht das normale Toll- Ein- Gutes- Referat-Gefühl, sondern… Verständnis. Ich habe für diesen Vortrag gearbeitet, bin dafür rausgegangen, und habe alles verstanden.

Alles in einem kann ich sagen, dass sich Referate ohne Internet nur lohnen. Klar, wenn man im Zeitdruck ist und das Thema eh nicht mag, ist Google eine gute Sache. Aber sonst macht es sehr viel mehr Spaß, Bücher durchzuarbeiten, und vor allem hat man dann nicht de ganzen Inhalt am nächsten Morgen wieder vergessen. Außerdem hat man auch mit etwas Kreativität andere Medien zur Verfügung als nur den Beamer. Und je weniger Technik im Spiel ist, desto weniger kann hinterher auch ausfallen.

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