Werbinich : Unternehmen Selbstvertrauen

Helmut Hochschild hat an der Paul-Löbe-Hauptschule vorgemacht, wie man Schülern Chancen eröffnet Was ist das Erfolgsrezept des Mannes, der jetzt die Neuköllner Rütli-Schule retten soll?

André Glasmacher

Felix, 16 Jahre, erkennt auf den ersten Blick, ob der Kunde richtig sitzt. „Bitte die Beine gerade nebeneinander stellen und ernst in die Kamera gucken“, sagt er höflich, aber bestimmt. Der Kunde, der vormittags in den Keller der Paul-Löbe- Hauptschule in Reinickendorf gekommen ist, folgt den Empfehlungen. Jarek steht daneben und sieht sich das Foto an. „Das ist gut so“, sagt er, „können wir nehmen“. Während Dennis das Passfoto am digitalen Arbeitsplatz nachbearbeitet, kassiert Jarek, der Geschäftsführer: 2,50 Euro. Statt acht Euro im Automaten.

„Die Schüler machen alles alleine“, sagt der Lehrer, der die Schülerfirma „Foto“ betreut. Die Firmen sind ein Teil der Reform, mit der Schulleiter Helmut Hochschild und sein Team die Paul-Löbe- Schule davor bewahrt haben, dass die Situation wie an der Neuköllner Rütli- Schule eskaliert. Weil Hochschild in Reinickendorf so erfolgreich war, soll er nun als kommissarischer Schulleiter die Rütli-Schule auf einen guten Weg bringen. An der Löbe-Schule hat er gezeigt, wie man das Selbstwertgefühl stärken kann, wenn man Vertrauen entgegenbringt. Die Schüler können auch allein mit der teuren Ausrüstung im Fotoraum arbeiten. Felix und seinen Mitschülern macht die Arbeit Spaß – und sie ist eine gute Vorbereitung auf das Berufsleben. Sie lernen mit Kunden umzugehen, Verantwortung zu tragen, selbstständig zu arbeiten. Dass sie in einer Schülerfirma gearbeitet haben, wird auch im Zeugnis stehen. „Das wird mir bei einer Bewerbung helfen“, sagt Felix, der in den Einzelhandel will.

„Vor zehn Jahren haben wir gemerkt, dass sich etwas ändern muss“, sagt Karin Wecker, die nun in der Paul-Löbe-Schule die Geschäfte führt. Man habe erkannt, dass man angesichts der schwierigen Schüler mit dem Jugendamt zusammen- arbeiten müsse. Außerdem wurde das Gebäude verschönert: „Wir wollten die Schüler über Gemeinschaftserlebnisse zusammenführen. Wenn man sich kennt, schlägt man nicht so schnell zu.“

Vor fünf Jahren begann das Projekt „Arbeitslehre“ mit vier Firmen, nun sind es acht. So kann man an der Hauptschule auch Skier ausleihen. Eine Ausrüstung kostet für eine Woche 23 Euro, so wenig wie wohl nirgendwo sonst in Berlin. Dennis, 16 Jahre, hält im Skikeller die Ausrüstung instand. Er will später Karosseriebauer werden und sagt: „Der gute Ruf der Schule wird mir helfen, einen Arbeitsplatz zu finden.“ Kerstin und Yasemin kümmern sich um die Buchhaltung.

Schulleiterin Karin Wecker ist stolz, dass fast alle Jugendlichen einen Schulabschluss machen. Allerdings müsse man sich auch von einigen vorzeitig trennen. „Es geht um Tätlichkeiten und grobe Regelwidrigkeiten.“ Von den 263 Schülern sind ein Drittel nichtdeutscher Herkunft, so wie Mahmoud, 18, und sein Freund Abdul, 16. Die beiden haben trotz des starken Leimgeruchs in der Möbeltischlerei einen klaren Kopf. Konzentriert arbeitet Abdul an einer Projektionsleinwand, Mahmoud sitzt über den Zeichnungen für ein Puppenhaus.

Dass es an der Rütli-Schule so weit gekommen ist, daran seien die Lehrer auch selbst schuld, meinen die beiden. Die Lehrer seien nicht autoritär genug. Außerdem müssten sie mehr mit den Schülern reden. „Hier reden die mit uns persönlich, unter vier Augen, das hilft.“

Weitere Infos im Netz: www.plobs.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar