Werbinich : Unterricht auf dem Flur

Die Zehlendorfer Rudolf-Steiner-Schule hat zu wenig Räume und streitet mit Nachbarn um einen Neubau Wahrscheinlich muss er abgerissen werden. Er steht zu nah an den anderen Grundstücken

Christian van Lessen

Mit sichtlichem Spaß streichen und zupfen die Drittklässler die kleinen Instrumente, spielen bereits leichte Melodien und leiten so morgens den Unterricht ein. Musiklehrer Stefan Meinecke hat das Projekt mit der Freien Musikschule im Haus mit ins Leben gerufen. So spielerisch erfolgreich kann Schule sein.

Die Kinder musizieren in einem großen Raum, dessen Fenster auf die Clayallee gerichtet sind. Es ist die Vorderseite der Rudolf-Steiner-Schule in Dahlem. Die Schattenseite liegt hinten. Dort, wo der baumbestandene Hof der privaten Waldorfschule liegt und wo der fast fertige Neubau nun schon das dritte Jahr leer steht. Obwohl die Raumnot groß ist und Unterricht auf den Fluren stattfindet. So bedrückend erfolglos kann Schule sein. Der schmucke Schulneubau im Wert von 1,7 Millionen Euro hängt wie ein Klotz am Bein des Lehrerkollegiums, der rund 760 Schüler und ihrer Eltern.

Dieser Klotz mit 13 dringend benötigten Räumen beschäftigt Anwohner, Anwälte, Gerichte, die Bezirksverordneten-Versammlung. Anwohner klagten erfolgreich, dass der Neubau zu dicht an ihren Grundstücken steht. In den sechziger Jahren war eine Klage auf Schließung der Schule gescheitert, dafür wurde ein Mindestabstand für künftige Neubauten vereinbart. Die Schule ist ein Risiko eingegangen, als sie 2004 mit dem Bau begann – im Abstand von zehn Metern zu den Nachbarn. Das war planungsrechtlich nicht zu beanstanden, aber immer noch zehn Meter zu nah. Die Schule hoffte auf die Verjährung alter Vereinbarungen mit den Voreigentümern der Nachbargrundstücke. Sie musste, da die neuen Nachbarn erfolgreich klagten, einen Baustopp hinnehmen, und als sie trotz Androhung von Strafen letzte Fenster einsetzte, wurde das mit einem Ordnungsgeld von 50 000 Euro quittiert, die sie nun abstottert.

Ein harter Schlag. Nach Gerichtsbeschluss muss der Neubau, „Hofspange“ genannt, abgerissen werden. Die Sache scheint gelaufen. Die Schule hat aber Beschwerde beim Bundesgerichtshof eingelegt. Auf ihrer Internetseite veröffentlicht sie regelmäßig „Baunachrichten“ und zeigt Fotos vom Neubau, „Schule in Not“ schreibt Schul-Geschäftsführer Friedrich Ohlendorf und davon, dass Nachbarn das Bildungsengagement der Schule „ausbremsen“.

Gleichzeitig hoffen Lehrer und Eltern immer noch, sich mit den Nachbarn einigen zu können. Auch die Anwälte der klagenden Nachbarn halten eine einvernehmliche Lösung für möglich. Die Nachbarn hätten auch gar nichts gegen Kinder, aber es habe gar kein Zwang bestanden, gerade an dieser Stelle einen Neubau zu errichten. Er hätte auch anderorts auf dem Schulgelände Platz gehabt.

Der Neubau könnte recht schnell bezogen werden. Die Kinder laufen an ihm vorbei, und viele wundern sich, warum die Erwachsenen eine Einigung so schwer hinbekommen.Vielleicht gelingt sie in diesem Jahr. Vielleicht aber wird endgültig der Abriss durchgesetzt. Quälend spannende Wochen kommen auf die Schule in Dahlem zu. Wie schön, dass es auch Positives zu berichten gibt. Zum Beispiel über den Spaß der Kleinen beim Musikunterricht.

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