Werbinich : Unterwegs nach Afrika – auf Landkarten Leserin Regina von Holtum hat reisen gelernt

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Simbabwe, Botswana, die Wüste Gobi oder die Seidenstraße, alleine oder mit anderen, ganz egal. Angst habe ich nie, Hauptsache ich bin weit weg. Denn ich kann nicht genug kriegen von fremden Ländern, anderen Menschen, wie sie sich kleiden und sprechen, welche Ängste sie haben und welche Hoffnungen, an welche Götter sie glauben. Es gibt für mich nichts Schöneres, als unterwegs zu sein.

Damals, als das anfing, war ich in der fünften Klasse in der Lichterfelder GoetheSchule, einer reinen Mädchenschule natürlich. Ich reiste mit dem Finger auf der Landkarte. Weiter wegzufahren als ins Allgäu, davon konnten wir Anfang der 50er Jahre nur träumen.

Aber dann kam Frau Meyer-Gundloff, Mitte 50, lange schwarze Haare. Sie zeigte uns alte Postkarten, vom Mont St. Michel in Frankreich zum Beispiel. „Da bin ich gestanden“, „da habe ich gesessen“, rief sie aus voller Begeisterung und erzählte uns herrliche Anekdoten von den vielen Reisen, die sie in den 30er Jahren vor dem Krieg unternommen hatte. Ich war total fasziniert.

Es gebe so viele unterschiedliche Kulturen, sagte sie immer wieder. Aber im Grunde seien die Menschen doch überall gleich, sie hätten ganz ähnliche Sehnsüchte und ähnliche Wünsche. Sie hatte wohl immer das Gefühl, dass sie, egal wohin sie kommt, sich mit den fremden Menschen verständigen kann.

Dann hängte sie eine Landkarte an den Kartenständer, und wir mussten uns mit dem Stock ein Land aussuchen, das uns interessierte. Frau Meyer-Gundloff schickte uns los, damit wir Lexika wälzten und in Büchereien Informationen zusammensuchten. Weil mein Vater Historiker war, musste ich gar nicht weit laufen, ich konnte einfach in seiner Bibliothek stöbern.

Dass ich mir für mein erstes Referat als Zwölfjährige die Geschichte der Buschmänner und des damals noch „Hottentotten“ genannten Stammes in Namibia aussuchte, fand Frau Meyer-Gundloff ganz normal. Natürlich wusste ich nicht, wo genau ihr Siedlungsgebiet liegt. Heute suchen wir es uns so einfach als Reiseziel aus. Meine erste größere Fahrt habe ich 1957 mit meinem Vater unternommen. Wir sind mit dem Studiosus-Gründer durch Griechenland gefahren. Wir haben so viel gelernt, es war großartig.

Was mir Frau Meyer-Gundloff mitgegeben hat an Reiselust, an Neugier, das hält bis heute. Auf einer ihrer Reisen ist sie in den 60er Jahren gestorben, auf dem Beifahrersitz eines Reisebusses in Anatolien. Das ist nicht schön, aber irgendwie passte es auch. Für mich ist diese Vorstellung gar nicht so schrecklich. Und wenn meine Schwester ob meiner Reiselust zuweilen sagt: „Du wirst einmal nicht mehr wiederkommen“, kann ich nur kontern: „Und wenn?“

Aufgezeichnet von Claudia Keller. Regina von Holtum ist 70 Jahre alt. Sie ist in Berlin aufgewachsen und lebt heute in Baden-Baden. Sie hätte am liebsten Archäologie studiert. Weil ihre Eltern das für eine brotlose Kunst hielten, wurde sie Juristin und hat als Richterin gearbeitet. Sie bereist besonders gerne den Vorderen Orient und Südostasien. Die Menschen seien dort besonders liebenswürdig. Im Herbst will sie in die Wüste Gobi aufbrechen.

Regina von Holtum (70) ist glücklich, wenn sie weit weg fahren kann. Die Neugier für Fremdes hat eine Lehrerin geweckt. Sie erzählte den Kindern von ihren Reisen in den 30ern.

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