Werbinich : Von den Alten lernen

65 Jahre große Liebe – wie geht denn das? Elfriede und Walter Grauwinkel geben ein paar Tipps

Ariane Bemmer

Wie sie da so sitzen, auf ihrem Sofa, beide alt, weißhaarig und krumm, beide gebrechlich, aber vergnügt, ist man sofort neidisch. Die haben es geschafft, das Ziel erreicht, den Schwur gehalten. Elfriede und Walter Grauwinkel sind seit 65 Jahren verheiratet und können sich noch leiden. Sie sagen „Vatichen“, „Omi“ oder „Opa“ zueinander und lachen sich an. 65, das ist die eiserne Hochzeit. Die gibt es selten. In Berlin eine oder zwei im Jahr, wenn überhaupt. Dann kommen die Bezirksbürgermeister zur Feier und vom Regierenden Bürgermeister gibt es ein Geschenk. Die Grauwinkels bekamen 50 Euro.

65 Jahre verheiratet, 65 Jahre denselben Menschen an der Seite, morgens, mittags, abends, dieselbe Stimme, dasselbe Gesicht, dieselben Macken. Wie hält man das aus? „Och“, sagt Elfriede Grauwinkel und kichert. Walter Grauwinkel sagt auch „och“, er legt den Kopf schief, er hört nicht gut. Ein Geheimrezept für eine lange Ehe gebe es nicht, sagen sie, das kann man ihnen glauben, sonst hätten sie es dem jüngeren Sohn verraten, der inzwischen zum zweiten Mal geschieden ist und viele Freundinnen hatte. Kein Geheimrezept, aber ein paar Tipps?

Beim Ersten bleiben

Tja, dieser Zug ist für die meisten wohl abgefahren. Allen anderen sei geraten, sich reiflich zu überlegen, ob es wirklich besser wird bei dem oder der nächsten. Und sagen nicht viele, dass es immer nur anders gewesen sei? Bei Elfriede und Walter Grauwinkel hat die Ausschlussmethode geklappt. Er war der Erste, den sie rangelassen hat, sie die Erste, mit der er es ernst meinte.

Ansprüche runterschrauben

Walter Grauwinkel hat die Hände auf seinen weißen Gehstock gelegt. Hinter dem großen Blumengesteck, das auf dem niedrigen Couchtisch prangt, sieht man ihn kaum noch. In dem Gesteck steckt eine goldene 65. Der Bezirksbürgermeister von Steglitz-Zehlendorf hat es vorbeigebracht. Walter Grauwinkel sagt: „Wir haben so vor uns hingelebt.“ Seine Frau nickt. Was für ein Satz. Birgt er schon das größte Geheimnis? Vor sich hingelebt. Wer will das am Ende seines Lebens sagen? Will man nicht lieber energisch angegriffen, nie aufgegeben, sich verwirklicht oder gar noch übertroffen haben? Dann ist man für 65 Ehejahre ein Risikokandidat. Das Beispiel Grauwinkel lehrt: Wer die ewige Ehe will, prüfe sein Vor-sich-hinlebe-Potenzial. Geringes Vorhandensein kann zur Scheidung führen.

Rituale entwickeln

Dass Elfriede und Walter Grauwinkel sich kennen gelernt haben, lag an seinem Faible für blonde Frauen. Am 30. November 1935 hat ein Freund ihn zum Winterfest eines Eissportvereins eingeladen. Der gut aussehende Walter tanzte mal mit dieser, mal mit jener: „Blond musste sie sein“, das war das Kriterium – und davon waren am späten Abend nicht mehr viele da, so dass er sich bis zum Tisch von Elfriede Hintze und ihrer Freundin durchschlug. Ja, er durfte bitten, obwohl Elfriede große Männer lieber mochte. „Sag, was du gesagt hast“, sagt Walter Grauwinkel zu seiner Frau. „Schon wieder so ein kleener Hannefatzke“, habe sie ihrer Freundin zugeraunt, als Walter nahte, sagt sie. Er habe sie nach dem Tanz noch zu einem Glas Sekt eingeladen. „Das hat mich sehr beeindruckt“, sagt sie heute. Und bis heute trinken sie jeden 30. November ein Glas Sekt auf seine gute Idee von damals. „Unser Kennenlerntag“, sagt Walter Grauwinkel.

Geschichte erinnern

Sie kennen noch alle Zahlen. Nach dem 30. November haben sie sich am Sonntag darauf wiedergesehen, dann zweimal die Woche. Er spielte Fußball und Mandoline, sie hat ihm zugeguckt. Am Silvesterabend hätten sie das erste Mal verkehrt, sagt Walter Grauwinkel. Sie hatten in Pankow gefeiert, „ich war schon ein bisschen angeschwummelt“, sagt Elfriede Grauwinkel. Sie gingen zu ihm, er hatte ein getrenntes Zimmer im Haus seiner Eltern, „drei Etagen mussten wir hochschleichen“, hihihi, diese Erinnerungen. Sie musste hinterher noch nach Zepernick, wo ihre Familie wohnte. 20 Minuten laufen bis zur S-Bahn, 20 Minuten fahren und dann noch mal 20 Minuten zu Fuß, weil das eine Taxi von Zepernick besetzt war.

Mal zurückstecken

Im Krieg haben sie dann geheiratet, es musste plötzlich ganz schnell gehen, weil Walter Grauwinkel seinen Marschbefehl bekommen hatte. Ursprünglich sollte die Feier im März sein, nun fand sie am 2. Januar 1940 statt, an Elfriedes 25. Geburtstag. Auf dem Foto gucken sie ernst. „Wir haben gefroren“, sagt Elfriede Grauwinkel. Sie ist am 65. Hochzeitstag 90 Jahre geworden. Vom Sohn haben sie einen Laptop bekommen. Der steht auf dem Esstisch im Wohnzimmer, auf dem Häkeldeckchen, das verrutscht, wenn man das Gerät aufklappt. Ungeduldig piekst sie mit dem Zeigefinger auf die Tasten, dann ploppen die Bilder aus dem Chinarestaurant auf, wo sie die eiserne Hochzeit gefeiert haben. Nur mit der Familie, Freunde waren nicht da, die sind alle schon tot. Walter Grauwinkel ist sitzen geblieben, er kann nicht mehr gut gucken. Trotzdem macht er den Fernseher an, wenn es Nachrichten oder Sport gibt. Manchmal guckt er auch Spielfilme. Dann soll seine Frau ihm immer sagen, was gerade passiert. „Aber dann krieg ich ja nichts mehr mit“, sagt sie. Sie kann das nicht leiden. Sie wollte sich einen eigenen Fernseher ins Schlafzimmer stellen. Aber da ist er gegen. Sie gibt nach.

Aufgaben trennen

Als er aus dem Krieg kam – bis 1948 wusste keiner, wo er war, ob er überhaupt noch lebte –, waren seine Kinder schon sieben und viereinhalb Jahre alt. Beide wurden im Heimaturlaub gezeugt. Die Kindererziehung war ihre Sache. Er war oft eifersüchtig, dass die Kinder mehr an der Mutter hingen. Aber die blieben ihre Sache, wie überhaupt der Haushalt. Und die Ferien. Seit 1963 sind sie jedes Jahr einmal in den Urlaub gefahren. „Mach du das“, hat er gesagt, als sie Pläne schmieden wollte. Also hat sie immer alles allein organisiert. Und er hat nie daran herumgemeckert. Er, gelernter Tischler, hat dafür das Geld verdient. Das war nicht sehr viel. „Wir haben von der Hand in den Mund gelebt“, sagt sie. Aber sie habe nicht herumgemeckert. Aufgaben trennen – und den anderen dann machen lassen. Das hat mit Vertrauen zu tun. Wer kann schon loslassen? Viele Streitigkeiten drehen sich darum, dass der eine glaubt, dass er etwas besser gemacht hätte.

Sich nicht aufopfern

Elfriede und Walter Grauwinkel sind heute 90 und 91 Jahre alt. „Ich habe allerlei Gebrechen“, sagt er. Die Augen, die Knochen, das Gedärm. Er hat Pflege beantragt und bekommen. „Ich hätte das nicht geschafft“, sagt seine Frau. Jetzt kommen jeden Morgen Pfleger, die helfen Walter Grauwinkel beim Waschen und Anziehen. Die machen Scherze und erzählen aus ihrem Leben. Das sei Stoff für den ganzen Tag, sagt Walter Grauwinkel. „Die bauen ihn auf“, sagt seine Frau. „Und mich auch.“ Walter sei ihr keine Hilfe, sagt Elfriede Grauwinkel. Es ist eine Feststellung, keine Anklage.

Keine späten Geständnisse

Es gibt da diese eine Sache: Als Walter Grauwinkel in Frankreich im Krieg war, hatte er zweimal was mit fremden Frauen, und davon hat er seiner Frau erzählt. Erst von der einen, danach von der anderen. Das hätte er nicht tun sollen, sagt seine Frau. „Das hat mir wehgetan.“ Er sagt, es habe nichts bedeutet. Sie sagt, eben deshalb hätte er es für sich behalten sollen. Er sagt, dass er es gleich nach dem Krieg gestanden habe. Sie sagt, er habe ihr davon erst vor einigen Jahren erzählt. „Da irrst du dich“, sagt er. Und dann sagt er, dass es ja vielleicht ja auch noch eine Dritte gab. Elfriede Grauwinkel findet das nicht witzig. „Ich war immer treu“, sagt sie. „Es waren nur Gelegenheiten“, sagt er. Sie hätte auch Gelegenheiten haben können, sagt sie. Wie alle, die betrügen, will er nicht sehen, dass auch eine unbedeutende Tat schmerzen kann. „Ich wollte mein Gewissen erleichtern“, sagt er und ahnt wohl, dass sein Geständnis egoistisch war. An Trennung habe sie nie gedacht, sagt Elfriede Grauwinkel.

Heiter weiter

Walter Grauwinkel sagt, seine Frau habe immer das letzte Wort. Das, juchzt sie, stimme gar nicht, aber immer erzähle er das. „Ich wollte mir schon ein Tonbandgerät kaufen und unsere Gespräche aufnehmen“, sagt sie. Elfriede Grauwinkel sagt, sie sei ein optimistischer Mensch. Sie mache sich nicht allzu viele Sorgen. Als ihr Mann 1967 pensioniert wurde, haben sie sich anfangs viel „gekabbelt“. Er war den ganzen Tag zu Hause, stand überall im Weg rum, fühlte sich überflüssig. Aber das habe sich auch gegeben. Irgendwann hat Walter Grauwinkel bei RTL gesehen, wie Kinder auf die Welt kommen. Das hat ihn beeindruckt. Schließlich hat Elfriede das zweimal ausgehalten. Seit dem Film denke er noch höher von Frauen, sagt er.

Abends aussöhnen

Egal, was war, sagt Elfriede Grauwinkel, bis zum Abend musste jeder Streit vorbei sein. Sie sei nie ohne Gutenachtkuss eingeschlafen.

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