• Von der Lehranstalt zum Unternehmen Berliner Wirtschaftsverein VBKI prämiert heute die Leistung der Georg-Weerth-Realschule

Werbinich : Von der Lehranstalt zum Unternehmen Berliner Wirtschaftsverein VBKI prämiert heute die Leistung der Georg-Weerth-Realschule

Susanne Vieth-Entus

Manche Schule hätte sich längst aufgegeben: Drei Umzüge in zehn Jahren, jetzt untergebracht in einem unansehnlichen Plattenbau, der nach Abriss schreit. Ringsherum der bedrohliche Schülerschwund, der Dutzende Schulen die Existenz kostet. Eigentlich hätte es niemanden wundern müssen, wenn die Friedrichshainer Georg-Weerth-Realschule längst von der Berliner Landkarte verschwunden wäre.

Ist sie aber nicht. Sie blüht, wächst und gedeiht, und heute bekommt sie als erste Schule der Stadt vom Verein der Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) das Prädikat „Leistungsschule“ angeheftet. Mit großer Schulbegehung und Festakt in der Fasanenstraße und allem Drum und Dran. Und der Zusage, dass der Verein der Schule künftig mit seinen guten Kontakten und Rat und Tat zur Seite stehen wird. Wie kann das gehen? Wie wird man „Leistungsschule“ unter solchen Vorzeichen?

Die Schulleiterin Birka Schmittke ist der Motor des Ganzen. Zusammen mit ihrer Stellvertreterin Kathrin Rausch steht sie für den strikten Willen zum Erfolg. Die beiden sind geradezu beseelt von dem Ziel, ihre Schüler optimal auf das Berufsleben vorzubereiten. Sie betrachten ihre Schule als mittelständisches Unternehmen, dessen Wettbewerbsfähigkeit davon abhängt, dass alle „Mitarbeiter“ (Schüler) einen Ausbildungsplatz finden oder den Sprung in die gymnasiale Oberstufe schaffen. Diesem Ziel ist alles andere untergeordnet. Zur Lieblingslektüre von Birka Schmittke, gebürtige Sachsen-Anhaltinerin, gehört die Wirtschaftswoche.

Das Kollegium steht hinter den dynamischen Leiterinnen. „Keiner ist gegangen“, sagt Kathrin Rausch. Viele hätten sich anstecken lassen von dem Reformkurs und kämen inzwischen auch mit eigenen Vorschlägen. „Wenn die Lehrer merken, dass die Neuerungen was bringen, sind sie offen für weitere Aktionen“, ist ihre Erfahrung der vergangenen Jahre. Sogar bei den Zielvereinbarungen machen sie mit: Ähnlich wie in der Wirtschaft zwischen Firmenleitung und Mitarbeitern werden an der Georg-Weerth-Realschule Verträge zwischen der Schulleiterin und den Lehrern geschlossen.

Die Schüler wissen die Anstrengungen der Lehrer offenbar zu schätzen. Um in den umliegenden Grundschulen Werbung für ihre Schule zu machen, halten die Zehntklässler Vorträge mit Powerpoint und freier Rede. Während umliegende Schulen mangels Nachwuchs um ihren Bestand fürchten, gibt es an der Georg-Weerth sogar eine Warteliste. Eine Schülerin kommt extra aus Spandau, weil die Mutter vom guten Ruf der Schule gehört hatte. Und dann ist da noch der 13-jährige Stephan Hesselbach, der für 50 Euro im Monat die Wartung der Schulcomputer managt. Das hat er von einem Zehntklässler übernommen, der ihn vorher eingewiesen hat.

Das Profil ist strikt „wirtschaftlich-berufsorientiert“. Dazu gehört, dass ein ganz neues Wahlpflichtfach eingeführt wurde. Es nennt sich „Grundlagen der Unternehmensführung“ und behandelt von Klasse 7 bis 10 alle nur denkbaren Aspekte von der Marktanalyse bis hin zur Personalentwicklung. Britta Schmittke und ihre Kollegen haben junge Firmengründer eingeladen, Fachbücher gewälzt und ihre Partnerunternehmen „ausgequetscht“, um das neue Fach zu konzipieren. Schon die Achtklässler recherchieren im Internet Berufsbilder, um eines Tages mehr Varianten im Kopf zu haben als KFZ-Mechaniker oder Friseuse. Auch das Café in der Schule wird in Eigenregie von den Schülern betrieben. Das gehört zum Fach Arbeitslehre. Wenn die Kalkulation mal nicht klappt, helfen die Mitschüler vom Wahlpflichtkurs „Unternehmensführung“.

Der Unterricht wird systematisch verbessert. Zu diesem Zweck beteiligt sich die Schule an aufwändigen Bund-Länder-Projekten wie Portfolio und Sinus, bei denen es speziell um die Qualität des Fremdsprachen- und des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts geht. Außerdem wird nach neuen Methoden gearbeitet wie dem selbstorganisierten Lernen. Stolz ist die Schule auf ihre selbst konzipierten Wanderausstellungen zur Regionalgeschichte.

Vergleichsarbeiten gibt es an der Georg-Weerth-Schule schon seit 1993 – angeregt durch den Leitenden Schulrat Gerhard Schmid. Damals war das für die Senatsschulverwaltung noch ein Fremdwort. Inzwischen schreibt die Weerth-Schule in allen Klassenstufen Vergleichsarbeiten.

Die Partnerunternehmen spielen eine wichtige Rolle. Sie bekommen viel geboten, werden aber auch selbst in die Pflicht genommen. So beraten sie die Schüler beim Bewerbungstraining und bieten Praktika. Künftig sollen die Schüler alle 14 Tage einen Praktikumstag nacheinander in allen vier Partnerunternehmen machen. Im Gegenzug organisiert die Georg-Weerth-Schülerfirma, der Partyservice „Die Kohlköpfe“, das Catering für Tage der offenen Tür in den Partnerbetrieben. Kürzlich wurde sogar ein komplettes Kinderfest bestritten: mit Hilfe von 52 Schülern und sieben Lehrern.

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