Werbinich : Von Manga bis Unterwasserflugzeug

Es gibt fast nichts, was Berliner Schüler nicht interessiert – wer kreativ ist und gut, hat Chancen bei der „Nacht der Talente“

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Eines Tages werden sie als Naturwissenschaftler oder Künstler glänzen, aber vorerst bereichern sie Berlins Schulen, und das soll gefeiert werden: Bildungssenator Klaus Böger lädt nächsten Montag zur 3. Nacht der Talente in die Mercedes-Welt am Salzufer. Wieder sind hunderte junge Leute dabei, die bei Wettbewerben von „Jugend musiziert“ bis „Jugend forscht“ erfolgreich waren. Wir stellen einige Talente vor und drucken heute sowie nächste Woche alle Namen ab.

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Diese Frage kommt immer, sagt Margarita Till . Sie ist nicht böse deswegen, eher überrascht. Diese Frage entlarvt den Fragenden. Er weiß eben nicht, was es heißt, eine Mangaka zu sein, im Vergleich etwa mit einem Modedesigner oder Orthopäden. Diese Frage geht etwa so: „Du hast so tolle Noten – warum willst du nicht Medizin oder Wirtschaft studieren? Margarita lächelt dann etwas beschämt. Sie will einfach nicht.

Eine Mangaka ist eine Zeichnerin japanischer Comics. Bis Margarita 20 ist, will sie ihr erstes Buch veröffentlicht haben. Noch ist sie 17 und Zehntklässlerin an der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Marienfelde. Sie ist Jahrgangsbeste. In Japanisch hat sie eine Einsplus. Im Herbst geht sie für ein halbes Jahr nach Japan – auf Einladung des japanischen Botschafters in Berlin.

Allerdings ist Margarita schon jetzt ein weltläufiges Wesen, das mit dem Wort Heimweh wenig anfangen kann. Vor drei Jahren kam ihre Familie aus St. Petersburg. Beide Elternteile haben deutsche Vorfahren. Deutsch hatte ihre Tochter schon in ihrer russischen Schule gelernt. In Berlin entschied sie sich für eine der wenigen Schulen mit Japanisch, um endlich Mangas im Original lesen zu können.

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Wenn Andrej Stephanchuk das physikalische Experiment erklären soll, für das er im Friedrichshainer Heinrich-Hertz- Gymnasium mit seinem Freund Asar Hage-Ali bei „Jugend Forscht“ einen Preis gewonnen hat, dann braucht er nichts weiter als ein gefülltes Aquarium, ein Aluminiumplättchen und Tinte. Auf die Oberfläche des Plättchens trägt er Tinte auf und lässt den Gegenstand ins Wasser gleiten. Langsam schwingt der pendelartig aus, während sich die Tinte in Wirbeln verteilt und das Plättchen zu Boden sinkt. „Darum geht es bei dem Experiment“, sagt er, „um die Frage, warum das Plättchen schwingt und wie sich die Bewegungen beschreiben lassen.“ Dieser Frage sind die beiden sechs Monate lang nachgegangen, haben viele Experimente gemacht, eine Theorie aufgestellt und mit einer eigenen Funktionsgleichung berechnet. Was sie dann bei ihrer Analyse herausgefunden haben, erklärt Andrej so: „Es sind Wasserwirbel, die durch den Unterdruck entstehen und das Plättchen gedämpft schwingen lassen.“ Natürlich ist das Ganze viel komplizierter, genauer steht es in der 15-seitigen Arbeit: „Chaotische Flüge ins Wasser.“

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„Kiss“ klingt gut in der Aula der Tempelhofer Hermann-Köhl-Realschule. „Kiss“, das ist der funkige Song von Popstar Prince. Und den singt heute die 18-jährige Hiba. Zusammen mit der Schulband „Köhl Guitar Circus“ steht sie jede Woche für zwei Stunden hinter dem Mikro und gibt, was sie kann. Begleitet wird sie von Johannes (Schlagzeug), Esra (Gitarre), Francesca (Bass) und Corinna (Keyboard). Zu den jungen Talenten gehört auch ein älteres: Musiklehrer Helmut Ruschmaier. Er hat sich eine rote Gitarre umgeschnallt, fetzt Riffs, gibt den Rhythmus vor. Die Bandprobe findet im Rahmen des Wahlpflichtfachs Musik statt. In der Aula, die als Proberaum dient, steht eine professionelle Musikausrüstung dafür bereit. Die hätten sich die Band mit über 100 Auftritten und einer Tournee in England selbst erspielt, sagt Ruschmaier stolz. Und stolz ist er auch darauf, dass der Köhl Guitar Circus am Montag die Nacht der Talente eröffnen wird.

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Warum können Flugzeuge nicht unter Wasser fliegen? Mit dieser Frage fing alles an. Und dann sah Tine Kadow einen Dokumentarfilm über Papageientaucher. Die exotischen Vögel können aus dem Flug mit ausgebreiteten Flügeln ins Wasser tauchen. Ihre Flügel bieten den gleichen Widerstand wie Flugzeugflügel beim Eintauchen – und brechen nicht. „Also muss es möglich sein, unter Wasser zu fliegen“, sagt die 17-jährige Hellersdorferin vom Leonard-Bernstein-Gymnasium. Ausgehend von dieser Beobachtung hat sie ein Unterwasserflugzeug konstruiert. Bei „Jugend forscht“ bekam sie einen Preis. Seit Tine 12 ist, interessiert sie sich für alles, was mit Flugzeugen zu tun hat. Früher wollte sie Helikopterpilotin werden. Inzwischen hat sie beschlossen, Bionik zu studieren. Und sie weiß schon genau, wie man forscht: Für ihr Projekt hat sie sich eine Diplomarbeit aus Kanada organisiert und einen Schweizer Professor kontaktiert. Das meiste aber hat sie selbst herausgefunden, denn über den Eintauchvorgang der Papageientaucher ist noch nicht viel bekannt. Sie analysierte ihn per Video. „Ich wollte mich am Vorbild der Natur orientieren und keine Luftschlösser bauen.“ Nur eines fehlt noch: das passende Material. Aber Tine will weiterforschen.dma/glas/loy/sve

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