Werbinich : „Von mir hat er das nicht!“

Wenn die Eltern zu Besuch kommen, hört der Spaß auf. Hier erinnern sich sieben Söhne

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Nur zwanzig Minuten, um die Schmach abzuwenden. Zwanzig Minuten, bevor Mama und Papa auf der Matte stehen. Den Umzug ins Hamburger Studentenwohnheim habe ich alleine geschafft, aber dass mein Zimmer innerhalb von zwei Wochen zur Müllhalde verkommen ist, möchte ich meinen Eltern gerne verheimlichen. Also schnell die Zeitschriften unters Bett gepfeffert, die dreckigen Klamotten hinterher, die verfaulten Bananen und Pfirsiche in den Papierkorb – und Deckel drauf. Dumm nur, dass jetzt Unmengen von Fruchtfliegen durch den Raum schwirren. Die habe ich wohl aufgeschreckt, die kleinen Biester. Ich nehme den Staubsauger und jage sie, Fliege für Fliege. Brutalstmöglich. Doch es werden einfach nicht weniger, eher mehr. Hätte ich bloß kein Obst gekauft letzte Woche – mit Süßkram wäre das nicht passiert. Dann klingelt es an der Tür und mir kommt eine brillante Idee: „Hallo Mama, hallo Papa. Darf ich euch zum Italiener einladen?“ sle

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Das Problem an Eltern ist, dass sie keinerlei Distanz aufbauen können. Es ist ihnen unmöglich, die Besitztümer ihres Kindes nicht als Familieneigentum anzusehen. Das wurde mir nie deutlicher bewusst als am Tag des ersten Besuches meiner Eltern. Die Tür war noch gar nicht richtig auf, da verrückte mein Vater schon ungefragt den kleinen Tisch im Wohnzimmer, „weil das so besser aussieht“. Das war das Startsignal für meine Mutter. Sie begann wie damals in meinem Kinderzimmer, dem sorgsam etablierten Chaos Dinge zu entreißen und an für sie sinnvoller erscheinende Plätze zu stellen – mit der Konsequenz, dass ich sie nie mehr wiederfand. „Hast du schon mal die Fenster geputzt?“, fragte sie kurz darauf, während sie die Fenster putzte. In der Zwischenzeit hatte mein Vater das Allerheiligste – den Fernseher – eingehend inspiziert und war ob der dicken Staubschicht auf der Scheibe sichtlich geschockt. „Siehst du da überhaupt was drauf?“, fragte er anklagend, zog ein Tempo aus der Tasche und wischte den Staub mit gekonnten Bewegungen weg. An die folgenden Ereignisse kann ich mich nicht mehr erinnern, es ging einfach zu schnell. Alles drehte sich. Ich weiß nur, dass ich meine Eltern irgendwann rausschmiss und mich benommen schlafen legte. Am nächsten Tag hatte ich einen Kater, abgespültes Geschirr ohne die charakteristischen Essensreste, ein mir unbekanntes Teeservice und einen neuen WC-Stein im Klo. Ich brauchte eine Kopfschmerztablette. Aber ich konnte sie nicht finden. chh

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Früher sind meine Eltern in den Urlaub an die Nordsee gefahren, nach Bayern, Italien oder Spanien. Seit vier Jahren fahren sie außerdem dreimal im Jahr nach Berlin. Vor vier Jahren bin ich nämlich hierher gezogen, und sobald ich ankündige, für ein oder zwei Wochen wegzufahren, fällt meinen Eltern ein, dass sie eigentlich mal wieder nach Berlin wollten. Meine Wohnung stehe ja ohnehin leer. Dagegen wäre auch gar nichts einzuwenden, wenn sie die Wohnung so hinterlassen würden, wie sie sie vorgefunden haben. Doch das ist leider nicht der Fall. Jedes Mal entdecke ich anschließend, dass sie gewischt, geschraubt, um- oder aufgeräumt haben. Fehlt nur noch, dass sie heimlich die Fenster putzen, wie neulich bei einer Freundin geschehen. Eltern verstehen so etwas offenbar als Dankeschön. Ich verstehe es als Kritik am Zustand der Wohnung. Vor kurzem rief meine Mutter wieder an. Ob ich zufällig Ende September im Urlaub sei, fragte sie. Ich habe ein Hotel in der Nähe empfohlen.hude

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Neulich hatte ich Geburtstag und meine Eltern meinten, mit mir Essen gehen zu wollen. Okay, habe ich gesagt, treffen wir uns unten im Hof. Leider stand wohl die Haustür offen, und so klingelten Mutter, Vater und die liebe Tante plötzlich an meiner Wohnungstür. „Huhuuuu!“, quiekten sie, und als ich die Tür einen Spalt öffnete, – zack! – waren sie drin. „Oh, was ist das?“, sagte Mutter und zeigte irritiert auf eine vergilbte Palme. Kicher, kicher. „Aber das hat er nicht von mir!“, sagte Mutter spitz und lachte. Die Atmosphäre wurde jäh durchbrochen durch die strengen Worte meines Vaters, der sich aus der Küche zu Wort meldete: „Sohn, du hast ja nicht mal einen Sekt im Kühlschrank!“ — „Tut mir leid.“ — „Auch kein Bier, oder was?“ — „Nee…“ — „Nicht mal Wein, der Junge!“ — „Is’ ja gut.“ — „ Warum hast du uns überhaupt zu dir eingeladen? Und was soll nur deine Tante denken?“ Die Stimmung im Restaurant war später etwas angekratzt. AG

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Zu Hause hat alles seinen Platz. Die Küchenmaschine steht neben der Fensterbank und wartet sauber auf den nächsten Einsatz. Über die Schüssel wird der Pappdeckel gestülpt, es soll ja nicht reinstauben. Der Teefilter ist für den nächsten Einsatz im Voraus über den Teefilterhalter gestülpt. Vorbildlich, würd’ ich sagen. Und eines ist auch klar: Wenn Mutter ihren Besuch ankündigt, wird noch hastig der Berg Teller abgeschmolzen. „Alles fertig für Mutter“, denke ich. Mitnichten – leider habe ich den Zeitungsstapel in der Ecke nicht wahrgenommen. Mutter schon: „Junge, der fällt irgendwann um und begräbt dich!“ Ein paar Tage später war ich zu Besuch bei einem Freund. Sein Zeitschriftenberg reichte bis zur Decke. „Der Stapel ist umgekippt und hat die Stehlampe neben dem Bett umgeworfen. Die Glühbirne ist genau auf dem Kopfkissen zerschellt“, erzählt er. Gerade noch mal davongekommen! Habe daraufhin die alten Zeitungen dann doch entsorgt. Merke: Manchmal hat Mutter doch Recht.avi

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Es gibt etwas in meiner Wohnung, das nur meine Mutter sieht. Mein Vater sieht es nicht, mein Bruder nicht, ich schon gar nicht. Ich sehe aber, wenn meine Mutter es sieht, wenn sie zu Besuch kommt: Sie kneift die Augen zusammen und geht ganz leicht in die Knie, damit sie genau auf Höhe der Einlegeböden in Regal und Vitrine ist. Dann sagt sie: „Würde nicht schaden, wenn du mal wieder Staub wischst, hm?“ Es gibt keine richtige Antwort auf diese Art von Frage, aber jede Menge falsche. Nachdem ich verschiedene Antworten probiert habe, empfange ich meine Mutter nicht mehr als Sohn, sondern als Gastgeber: „Na, magst du erst mal was trinken, Saft mit Wasser oder lieber pur?“ So mache ich meine Mutter schon im Flur zum Gast. Wir verstehen uns blendend seitdem, zumal meine Mutter keine unangemeldeten Kontrollbesuche macht, sondern nur auf Einladung kommt, seit sie weiß, dass ich genug esse und den Müll runterbringe. Hin und wieder jedenfalls.obs

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Es war wie immer gut gemeint. Eines Tages kamen meine Eltern mit einer gewaltigen alten Uhr aus dem heimischen Rheinland nach Berlin. Die hölzerne Wanduhr hat gefühlt ungefähr die Größe eines Kleinwagens. Der wiederum ist nützlich. Die Uhr ist es nicht. Klar, ich mußte sie aufziehen und mich herzlich bedanken. Selbst renoviert, Erbstück, blabla. Doch weder passt das Old-Fashioned-Style-Biest geschmacklich in meine Küche noch ist das Ticken zu ertragen. Die Uhr tickt verdammt laut, vom Bimmeln ganz zu schweigen. Seit acht Jahren hängt sie da – und steht. Und eines haben meine Eltern wie immer erreicht: Das schlechte Gewissen, wenn sie zu Besuch sind und die mittlerweile völlig verstaubte Uhr nur zweimal am Tag die richtige Zeit anzeigt. SB

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