Werbinich : Von Musen, Mathematen und Stoikern

In Ingrid Sabischs Schule trafen sich Gegensätze

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Ich habe neun Jahre in einem städtischen Gymnasium in einer nordbayerischen Stadt die Schulbank gedrückt. Dort gab es einen musischen und einen naturwissenschaftlichen Zweig, die sich gegenseitig beeinflussen sollten. Das hat nicht geklappt. Die „Musen“ waren exzentrische Künstlertypen, die mit Geigenkästen, langen Haaren und barfuß herumliefen. Die „Mathematen“ waren praktisch, leistungsorientiert und hatten mit 18 alle Autos. Da hat sich nichts gemischt. Als wir in der Kollegstufe dieselben Kurse besuchten, waren wir sehr überrascht, weil wir die meisten Gesichter noch nie gesehen hatten, obwohl wir jahrelang dasselbe Schulgebäude teilten.

Die „Musen“-Klassen waren immer sehr klein, weil viele Eltern dachten, ihre Kinder seien zu unbegabt oder befürchteten, dass man sie hier nicht ausreichend aufs Leben vorbereiten würde. Der naturwissenschaftliche Zweig hatte immer viele Schüler, auch wenn dort bestimmt nicht alle mathematisch begabt waren.

Der Schuldirektor verkündigte uns zu Anfang der sechsten Klasse, er sei ein Anhänger der Stoa und Humanist. Aha. Wir Elfjährigen staunten, „Stoa“ und „Humanist“ sagte uns gar nichts, es klang aber mächtig exklusiv. Eine andere Leidenschaft von ihm war der Bienenstich, den er sich gern durch einen abkommandierten Schüler aus einer Bäckerei holen ließ.

Mich hat er ein paarmal fürs Schwänzen bestraft. Einmal hat er mich, ganz der Philosoph, durch ein geschicktes Kreuzverhör so in Widersprüche verwickelt, dass allen klar war, dass ich unentschuldigt dem Unterricht fern geblieben bin, obwohl ich nichts zugegeben hatte. Zur Strafe musste ich ein Klassenzimmer säubern, was ich auch gewissenhaft tat.

Trotz seiner bisweilen unangenehmen Art mochten wir „Musen“ ihn. Ich weiß nicht, wie die Mathematen zu ihm standen. Viele Lehrer der Naturwissenschaften hatten uns gegenüber immer Vorurteile. Wie kann es sein, dass Leute, die nur Musik machen, zum Abitur zugelassen werden, fragten sie sich. Unser Direktor hat da irgendwie zu uns gehört. Seine Bühne war das Klassenzimmer, und wir waren ein dankbares Publikum, wenn er wieder zitierte: „Wanderer, kommst du nach Sparta......“.

Ingrid Sabisch (34), lebt als Comiczeichnerin und Illustratorin in Berlin. Zuletzt sind von ihr die Comics „Schwangerschaftsstreifen“ und „Albrecht Dürer“ erschienen.

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