Werbinich : Vor der Tür

Sie hat studiert, einen Job gefunden. Dann wurde ihr gekündigt. Vom ersten Mal auf dem Arbeitsamt

Juliane Hartig

Ich bin 25. Ich habe studiert. Wirtschaftsinformatik. Vor ungefähr einem Jahr bin ich fertig geworden und habe erfreulich schnell einen gut bezahlten Job in meiner Heimatstadt Berlin gefunden.

Ich hatte Glück.

Mein Vertrag war zwar auf ein Jahr befristet, aber, wie man mir versicherte, mit besten Chancen auf Verlängerung. Leider wurde das Unternehmen dann gekauft und nichts war’s mit der Verlängerung. Wer länger da war, Kinder hatte oder schwanger war, hatte bessere Chancen. Ab Januar bin ich nicht mehr dabei.

Pech gehabt.

Hingehen also, zum ersten Mal im Leben zum Arbeitsamt. Nur hatte ich ja noch Arbeit, und deshalb morgens, mittags und abends keine Zeit, zum Amt in meinem Bezirk zu gehen. Ich rief da also an, erzählte vom Zeitproblem, und die sagten: Kein Problem, „arbeitssuchend“ kann man sich in jedem beliebigen Amt melden. Wie unkompliziert! Ich war begeistert. Ich wählte das Amt in der Nähe meiner Arbeitsstelle, es ist das größte im Bezirk Wedding und in der Mittagspause zu erreichen.

Ich betrat die unbekannte Welt und war, ja doch, angenehm überrascht.Wo waren die langen Schlangen, die schimpfenden Menschen, die blinkenden Nummernanzeigen, kurz, all das, was man im Fernsehen sieht? Stattdessen: Ruhe.

Zwei Leute vor mir in der Anmeldung. Nummern aus einem Automaten muss man nicht ziehen; aber irgendwie kommt man sich so vor: wie eine Nummer. Eine von dreimillionenneunhundertfünfundneunzigtausend. So viele Arbeitslose gibt es. 3,995 Millionen Menschen. Ab ersten Januar 2007 bin ich eine davon.

Ich werde in ein Großraumbüro mit in Augenhöhe abgeteilten Arbeitsplätzen verwiesen, wo sich jemand um mich kümmern soll. Auch dort: Stille. Obwohl fünfzehn Leute dabei sind, andere Menschen zu beraten.

Ich schaue mich um: Die zuständigen Berater sind in der Mehrzahl Beraterinnen. Einige sehen nicht viel älter aus als 18, sind wahrscheinlich gerade mit der Ausbildung fertig, tragen Jeans und haben Diddl-Mäuse auf dem Tisch. Man gibt sich leger im Arbeitsamt.

Ich bekomme eine freundliche Mittvierzigerin mit kurzer, dunkelrot gefärbter Föhnfrisur und genau einer blonden Strähne.

Ich trage ihr meine Geschichte vor. Sie scheint verwundert, dass ich mich bei ihr „arbeitssuchend“ melden will. Wo ich doch ganz woanders gemeldet bin. Sie wusste anscheinend nichts von dem „Anmelden ist überall möglich“, was mir ihre Kollegin erzählt hatte. Mir schwant, dass das Ganze nicht so einfach werden wird.

Sie fragt: „Welchen Beruf haben Sie?“

Wirtschaftsinformatikerin.

Sie gibt es in ihren Computer ein. Der wirft eine lange Liste aus. Sie ist verwirrt.

„Welche Ausbildung haben Sie denn?“

Keine, ich habe studiert.

„Ah, dann also ohne Abschluss!?“

Ich bin nur ein bisschen entsetzt, dass sie das als selbstverständlich voraussetzt und korrigiere freundlich: Nein, mit Abschluss. Diplom.

Ohne ob der falschen Annahme auch nur ein bisschen betreten zu gucken, erklärt sie mir daraufhin, dass bei tatsächlich eintretender Arbeitslosigkeit ein anderes Arbeitsamt für mich zuständig sein wird. Eines für Akademiker. Aha.

„In welcher Position haben Sie bisher gearbeitet?“

Ich sage: Projektmanagement.

Leider gibt es die Bezeichnung in ihrem Computersystem nicht. Ich schlage vor: Nehmen Sie Marketing, und denke, dass dies ja doch eine sehr häufig verwendete Bezeichnung ist. Da wird sich doch wohl etwas im System finden lassen wird.

Der Computer gibt mir recht und spuckt an die dreißig Vorschläge aus. Ich soll die Stellenbeschreibung wählen, die am besten zu meiner jetzigen passt. Ich will aber nicht wählen, die Vorschläge sind alle viel zu speziell und keiner trifft meinen bisherigen Aufgabenbereich.

Schließlich sage ich: Schreiben Sie Produktmanagement, das umfasst alles.

Das gibt es dann tatsächlich und so finden wir meinen bisherigen Beruf nach einer guten Viertelstunde.

„In welcher Branche waren Sie denn?“

Ich sage Pharma und sehe entsetzt zu, wie die Bearbeiterin meines Vertrauens „P-F-A-R-M-E-R“ in die Suchmaske eingibt. Ich schwanke zwischen Lachen und entsetztem Aufstöhnen, verkneife mir jedoch beides und warte ab, was der Computer dazu zu sagen hat. Ob der vielleicht mit einer automatischen Rechtschreibkorrektur ausgestattet ist? Ist er nicht.

Ich sehe zu, wie die Dame noch mehrere Versuche unternimmt, bevor ihr der Gedankenblitz kommt und sie ihre Eingabe in „P-H-A-R-M…“ ändert.

Warum ich nichts sage? Ich stehe unter Schock und denke gleichzeitig: Das kann sich nun wirklich niemand ausdenken!

Anschließend möchte sie mir gerne noch meinen Ansprechpartner im Akademiker-Arbeitsamt nennen. Es gibt nur ein kleines Problem: Es gibt dort einen Bearbeiter für Wirtschaftswissenschaftler und einen für Informatiker.

Ich habe Wirtschaftsinformatik studiert, sage ich. Ich kann also auch in beiden Bereichen arbeiten. Ich bin da offen.

Sie zieht sich zur Beratung mit einer Kollegin zurück. Nach weiteren zehn Minuten präsentiert sie mir einen Namen. Der Herr ist für Programmierer und Systemtechniker zuständig. Das ist weit weg von dem, was ich gemacht habe.

Ich sage: Ich habe im Marketing gearbeitet, ich habe einen kombinierten Studiengang absolviert.

Ich würde mich gerne nicht nur auf einen so engen Bereich festlegen.

Sie sagt: „Gehen Sie da erst mal hin, der Herr wird Sie dann schon an den Richtigen überweisen.“

Sie redet noch ein wenig weiter über Regelungen und Vorgehensweisen. Sie sprichst schönstes Bürokratendeutsch. Nebenbei händigt sie mir Merkblätter und Formulare aus. Wahrscheinlich hat sie das alles auswendig gelernt, denke ich und denke auch noch: „Pfarmer“.

Zum Abschied sagt sie: „Machen Sie möglichst schnell einen Termin, dann finden wir auch schnell was für Sie.“

Ich glaube ihr kein Wort.

Man hat gerade wiederholt versucht, mich in engste Kategorien zu pressen, in denen es wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch keine Angebote geben wird. Kein Wunder, schimpfe ich innerlich, dass die Vermittlungsquoten so niedrig sind. Ich gehe und rege mich auf dem Weg zurück ins Büro noch ein wenig über die Inkompetenz der Mitarbeiterin auf.

Zu Hause habe ich Zeitungen gewälzt und Bewerbungen geschrieben. Mal sehen, wie sich mein Beruf bei der nächsten Arbeitsstelle nennt. Mitarbeiter für Marketing. Mensch für Öffentlichkeitsarbeit. Wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Ich denke, ich werde mir den neuen Job alleine suchen müssen.

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