Werbinich : Vorurteile

Während der Wessi den Ossi für faul, dreist und dumm hält, denkt dieser, der Wessi sei arrogant, spießig und könne sich gut verkaufen. Gleichzeitig sind beide der festen Überzeugung, im Gegensatz zum jeweils anderen keinerlei Vorurteile zu haben.

In Internetforen tauschen sich Leute, die teilweise noch nicht einmal die DDR oder die alte BRD miterlebt haben dürften, darüber aus, wie vorurteilsfrei sie selber sind, während sie doch das eine oder andere „aber“ einfügen: Wir haben uns ja alle so schrecklich lieb, ABER: Die Ossis haben nun mal ein fest verankertes Misstrauen gegenüber der Demokratie, sprechen ein unverständliches Sächsisch, und es ist ja wohl kein Vorurteil, sondern allgemein bekannt, dass der Wessi nichts über die DDR weiß und nach dem Mauerbau von den Besatzern nur noch verwöhnt wurde. In den meisten Fällen werfen sich die Verfasser solcher Texte dann peinlicherweise auch noch genau dieselben Sachen vor.

Wessis wie Ossis haben anscheinend von der Wende profitiert. Da ist es wirklich sehr erstaunlich, dass wir nicht nur nicht alle glücklich und zufrieden sind, sondern sich knapp ein Fünftel der Bevölkerung auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze die Mauer zurückwünscht. Besonders absurd finde ich diese Vorurteile, weil ich genau weiß, dass durch die Mauer zahlreiche Menschen von ihren Freunden und Familien getrennt wurden. Diejenigen, die heute behaupten, im Osten wäre alles viel besser gewesen, sind vermutlich dieselben Leute, die sich früher nur so danach verzehrt haben, in den „Goldenen Westen“ zu kommen, genau wie die Westler, die die Ansicht vertreten, im Osten gebe es nur ausländerfeindliche Arbeitslose, wahrscheinlich zu Hause sitzen und ihre Vorurteile gegen den nächsten Nachbarn pflegen.

Friederike Sander, 16 Jahre

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