Werbinich : Wahnsinnige Angst

von

Am 11. September 2001

war ich neun Jahre alt.

Ich saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher und schaute KiKa. Plötzlich wurde das Programm für eine Sonderdurchsage unterbrochen. Nachrichten fand ich damals immer langweilig und gruselig, weil ich das Gefühl hatte, dass nie etwas Lustiges oder Schönes in der Welt passierte.

Ich wollte gerade den Fernseher ausschalten, als meine Mutter sagte, stopp, das muss etwas Wichtiges sein. So erfuhren wir von den Terroranschlägen. Natürlich verstand ich nicht alle Hintergründe, aber genug, um die Bedrohung zu erfassen. Ich bekam wahnsinnige Angst. Ich erinnere mich, dass ich nicht allein in meinem Zimmer sein wollte, weil ich von der irrationalen Idee besessen war, eine Bombe könnte durch das Fenster fliegen und mich töten. Alles, was mit New York zu tun hatte, war für mich lange ein rotes Tuch. Als mein Vater eines Abends Udo Jürgens‘ „Ich war noch niemals in New York“ sang, fragte ich ihn, ob es sein Ernst sei, dorthin zu wollen. Für mich war der Ort grauenvoll, ich hatte keinerlei Verständnis. Auch nicht, als er mir erklärte, dass es genauso sei, als wenn bei unserem Freund in Spandau ein Haus einstürzen würde. Aber das, was passiert war, war nicht einfach einstürzen. Dafür gab es zu viele furchteinflößende Details.

Am 13. September wurde meine beste Freundin zehn Jahre alt. Ich war mit bei ihrer Oma zum Kaffee eingeladen. Das Thema Terroranschläge wurde von den Erwachsenen stark diskutiert, insbesondere die Neuigkeiten, die jeden Tag in den Zeitungen auftauchten. Ich war zu höflich und zu schüchtern um sie zu bitten, mit dem Gespräch aufzuhören. Dabei wollte ich nicht hören, mithilfe welcher Rasierklingen oder Nagelscheren die Attentäter die Crewmitglieder überwältigt hatten. Monatelang konnte ich die Bilder aufgeschlitzter Hälse von Stewardessen nicht aus meinen Gedanken verdrängen.

Wie das so ist, habe ich irgendwann die Angst verloren, aber meine Erinnerungen werden wohl ewig bleiben.

Caroline Stelzer, 19 Jahre

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