Werbinich : Warum hast du so große Augen?

Mangas, die japanischen Comics, werden meist von und für Mädchen gezeichnet. Ein Treffen mit Berliner „Mangakas“.

Jeannette Krauth

Engel Hikari nimmt kleinen Jungs ihre Pommes weg. So als kurze Pause von ihrem Schutzengel-Dasein. Denn ansonsten ist es Engel Hikaris Job zu helfen. Etwa dem Jungen Satoshi, der die Angewohnheit hat, seinen Schrubberbesen überall mit hinzuschleppen. Für diesen Tick braucht er aber nicht Hikaris Hilfe. Sondern um sein Traummädchen zu erobern. Und die entpuppt sich als Junge.

Willkommen in Lenka Buschovás Manga-Welt. Die Geschichte vom Engel Hikari entstammt ihrem Comic im japanischen Manga-Stil „Freaky Angel“. Dieses Jahr ist der erschienen, und es ist ihr erstes Buch. Lenka ist Berlinerin, 22 Jahre alt, und wohnt in Hohenschönhausen. Da, wo ihre Manga-Welt entsteht, sieht es so aus: 14 Quadratmeter im Obergeschoss eines Einfamilienhauses, möbliert mit blauem Ausziehsofa, einem Schreibtisch (auf dem, als einzig unordentlicher Fleck, ein Schoko-Weihnachtskalender liegt) und einer Jugendzimmerschrankwand. Poster oder Bilder gibt es nicht. Die einzigen Hinweise auf die Manga-Welt, die hier in Lenkas Kopf entsteht, sind: zwei Kerzen, mit Comicfiguren beklebt, eine Stiftschachtel mit zwanzig, dreißig Markern und die Schrankwand, die über und über voll gestellt ist mit über 200 Mangaheften.

Wie ist jemand, dessen Figuren so seltsame Vorlieben haben? Kleidet sich die Schöpferin von Hikari etwa auch in gürtelbreite Röcke und gestreifte Tops mit Spitzenärmeln, wie sie der Engel trägt? Nicht ganz. Lenka hat ein weißes Longsleeve an, darüber ein schwarzes T-Shirt – „Girls Club“ steht darauf – und trägt schwarze Jeans. Ihr Gesicht ist leicht rund, mit sanften Augen. Das sieht fast unschuldig aus. Bis man ihre sichere, tiefe Stimme hört.

„So 90 Prozent aller deutschen Mangazeichner sind Frauen“, erklärt sie. Bisher veröffentlichten vier deutsche Comicverlage deutsche, und nicht bloß übersetzte, Mangas: Carlsen Comics, Egmont Manga & Anime (EMA), Tokyopop und Schwarzer Turm. Drei weibliche Mangakas – so nennt man die Zeichnerinnen – aus Berlin haben wir getroffen: Lenka Buschová, Anne Gorziza und Marie Sann.

Marie Sann sitzt in einem Friedrichshainer Café und erinnert ein bisschen an Lolle aus der Serie „Berlin, Berlin“: Die 19-Jährige aus Reinickendorf hat knallrot gefärbte Haare. Bisher ist eine Kurzgeschichte, gezeichnet von ihr und getextet von Guido Neukamm, bei Tokyopop erschienen. „Bin gerade völlig im Abistress“, erzählt sie. Und im Produktionsstress: Gestern Abend habe sie bis halb zwei gezeichnet, weil sie im Januar die Seiten für ihr erstes komplettes Comic-Buch abgeben muss. Der Wecker zur Schule klingelte aber schon wieder um sechs Uhr. Ihr neuer Manga wird „Sketchbook Berlin“ heißen, er entsteht wieder gemeinsam mit Guido Neukamm und erzählt von einer Comiczeichnerin in Berlin – nochmal huch, denn genau das ist auch Lolle! Ein Zufall, sagt Marie. Die roten Haare habe sie seit fünf Jahren, und die Serie habe sie noch nie gesehen. In „Sketchbook Berlin“ trifft Hauptcharakter Leila auf einen Menschen aus einem anderen Zeitalter – das gab es bei Lolle nicht, wenn auch mal der imaginäre Wiki, der Wikinger, vorbeischaute.

Heute in der Schule hat Marie in den Freistunden auch „geinkt“, erzählt sie. So nennt man es, wenn die Bleistiftzeichnungen mit Tusche nachgezogen werden. Ganz klassisch zeichnen Marie und Lenka nämlich erst mal mit Bleistift das Motiv. Dann werden die Konturen nachgezogen, so richtig altertümlich mit Tuschefässchen und Feder. Danach wird die Skizze eingescannt. Am Computer wird dann „gerastert“, das bedeutet, dass Schraffuren als Schatten auf die Zeichnungen gelegt werden, damit sie nicht eindimensional aussehen. Wie man zeichnet, illustriert und die Skizzen am Computer bearbeitet, haben sich beide Zeichnerinnen selbst beigebracht.

Denn anders als bei jungen Schriftstellern, von denen sich manche zu Poetry Slams oder in Schreibwerkstätten treffen, kennen die Mangakas aus Deutschland einander selten. Nur auf Messen sähe man sich manchmal, erzählen beide Mädchen. Allerdings gibt es Kontakte per Internet: Auf der Seite www.animexx.de stellen Hobbyzeichner und Mangafans ihre Skizzen vor und tauschen sich über Zeichentechniken aus. Da hat Lenka auch ihre ersten selbst erdachten Figuren gezeigt. Als sie dann an einem Nachwuchswettbewerb des EMA-Verlags teilnahm, gewann sie sofort den ersten Platz und damit eine Veröffentlichung in einem Kurzgeschichtenband. Im Jahr darauf kam dann das Angebot zu „Freaky Angel“. Durch die animexx-Homepage ist Lenka auch mit Anne Gorziza befreundet. Die heute 18-jährige Anne (unter einem Schlapphut blitzen die Augen nur manchmal hervor,eine Hand steckt in einem schwarzen Netzhandschuh) hat ihr geschrieben, wie begeistert sie von Lenkas Zeichnungen ist. Seitdem sind die beiden befreundet, zeichnen auch zusammen. Anne hat ein Jahr später, 2004, am Wettbewerb teilgenommen und auch eine Kurzgeschichte bei EMA veröffentlicht. So ähnlich war es auch bei Marie – sie hat durch einen Wettbewerb bei Tokyopop ihren Comicvertrag bekommen. Ein vierstelliges Honorar ist der Lohn der Mangakas – leben kann man davon aber nicht. Deshalb studiert Lenka Japanologie und Marie will nach dem Abi zur Kunsthochschule.

Die Leidenschaft für die Mangas hat bei Marie, Lenka und Anne mit der Serie „Sailormoon“ angefangen – „wie eigentlich bei allen Mangakas aus Deutschland“, sagt Lenka. In dieser Zeichentrickserie haben das Mädchen Sailormoon und ihre Freundinnen magische Kräfte. „Toll fand ich, dass man da starke Mädchen sehen konnte“, erzählt Marie Sann. Die ersten Zeichnungen von Lenka wie auch Marie haben auch diese typisch riesengroßen, glitzernden Sailormoon-Augen. Und die Silhouetten von Barbie-Figuren: Großer Busen, dünne Pos, Taillen, Beine. Anfangs hätte sie diesen Zeichenstil eben so übernommen, auch ohne zu reflektieren, was für ein Frauenbild sie da wiedergibt, erzählt Marie. Je mehr Mangas und damit Zeichenstile sie aber kennen gelernt hätte, umso mehr hätte sie gesehen, dass diese Barbie-Verschnitte eben nur eine Stilrichtung widerspiegeln. Marie wie Lenka haben nun ihren eigenen Stil gefunden, die Augen glitzern nicht mehr und manche Figuren haben Münder. Marie erzählt, dass in ihrem neuen Buch auch Menschen vorkommen „die nicht in das gängige Schönheitsideal passen, dick oder alt sind“. Lenka sieht das nicht so eng: „Das eine ist eben Fiktion, das andere Realität – erotisch finde ich in Ordnung, pornografisch nicht“, sagt sie. Außerdem gäbe es so viele Manga-Sparten, auch völlig unsexy gezeichnete etwa. Für ihren momentanen Lieblingsmanga trifft das nicht ganz zu: „Tramps like us“ heißt er und handelt von einer Frau, die sich einen jungen Mann als Haustier hält.

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