Was Jugendliche motiviert : Einfach mal spazieren gehen

Max Deibert
Max entspannt sich.
Max entspannt sich.Foto: privat

In unserer aufgeklärten Gesellschaft ist es doch sehr überraschend, dass ausgerechnet das Thema Entspannung mit Gefühlen von Scham und Schuld belastet ist. Die Frage: Wann machst du mal nichts?, scheint allzu persönlich. Das liegt vielleicht an der ständigen Verpflichtung zur Selbstoptimierung. Dass jedoch schon bei der Frage: Wie entspannst du dich am liebsten? so gut wie keiner wahrheitsgemäß antwortet, ist wirklich verwunderlich. Freunde unserer Familie zum Beispiel lieben es, sich in einem Wellness-Ort in Meck-Pomm in riesigen Wannen gegenseitig mit Schlamm-Kugeln einzureiben. Da hat man wahrscheinlich das Gefühl, endlich mal auszuspannen, in Wirklichkeit aber wurde einem von säuerlich lächelnden Wellness-Priestern ein Instrument in die Hand gedrückt, das Handy oder Laptop für ein paar Tage ersetzt, nicht aber verschwinden lässt.

Ich mache jetzt mein Abitur und habe so viel Zeit zum Entspannen wie Angela Merkel zum Lächeln. Dabei wäre diese Zeit so wichtig.

Bob Marley war ja nicht stundenlang im Facebook- Gruppen-Chat, bevor er seine Songtexte schrieb.

Er hat irgendwo gesessen und seine Gedanken schweifen lassen. Der Abhängigkeit, die moderne Unterhaltungselektronik schafft, kann man sich nicht mit einem Trip in die neuen Bundesländer entziehen! Das Einzige, was hilft: Internetverbindung kappen, Handy verstecken, nichts tun oder spazieren gehen.

Niemand teilt diese Meinung. Die Scham zu sagen: Dieses Wochenende war so ergiebig, weil ich nichts gemacht habe!, ist groß. Dann lieber angeleitete Freizeit, die Entspannung vorgaukelt und das Gefühl vermittelt, etwas unglaublich Hippes gemacht zu haben. Oder der Rückzug in eine elektronische Welt, wie ihn Leute meines Alters bevorzugen. Die Medien glauben, unsereins würde ständig „chillen“, aber die Zeit, die wir miteinander verbringen, ist angefüllt mit Fifa zocken, Musik hören, Handy spielen und nervösem Überprüfen der Sms.

Nur meinem charmanten Auftreten und fantastischen Äußeren verdanke ich, dass meine Freunde mich dulden, obwohl ich immer vorschlage, spazieren zu gehen.

Max Deibert, 16 Jahre

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