Werbinich : Wegsehen und Dummstellen

Claudia Keller

Sie wird immer größer: die Kluft zwischen den Kindern aus gut bürgerlichen Familien und denen am sozialen Rand. Bei einer immer kleineren Zahl gehätschelter Wonneproppen feilen Eltern, Großeltern und Lehrer gemeinsam an der Bildungskarriere. Die Kinder werden gefördert und gefordert, bekommen Zuwendung und Anregung zuhauf, das Beste auf dem Markt der Kinderbücher und Lernspiele ist gerade gut genug. Ballett- und Reitunterricht, Basketball- und Schwimmverein stählen die Figur, Mutti sorgt durch den Einkauf im Bioladen nur für die allerbeste Ernährung.

Ihnen steht eine wachsende Schar zu dicker, oft kranker Kinder gegenüber, die den ganzen Tag sich selbst und dem Dreck im Fernsehen und im Internet überlassen sind. Wenn sie eingeschult werden, sind diese Kinder eine einzige Mangelerscheinung: schlechtes Deutsch und schlechte Zähne, kein Selbstbewusstsein, unfähig sich zu konzentrieren. Der am Freitag veröffentlichte Bericht der Gesundheitsverwaltung zur Lage der Berliner Erstklässler zeigt es. Gesundheits- und Schulverwaltungen, Verbände und die Kirchen weisen auf die Probleme im Vierteljahresrhythmus hin. Ist ja nicht so, dass keiner wüsste, dass sich die Gesellschaft entmischt. Allein, es tut sich wenig. Früher Kitabesuch und Ganztagsunterricht können helfen. Die Schulen, erst recht so wie sie jetzt ausgestattet sind, können dieses Problem aber nicht alleine lösen. Die Verantwortung liegt bei Politikern, Verwaltungen, Fernsehsendern, Filmproduzenten und Internetanbietern und auch bei jedem von uns selbst. Angesprochen fühlen sich aber immer nur die Gleichen, die gerne als Gutmenschen verhöhnt werden. Ansonsten gilt: Wer kann, schaut weg, wenn die dicken, kranken, ungebildeten Kinder um die Ecke kommen.

Aber die Kluft wird immer größer. Und auch die, die sich noch sicher auf der Insel der Seligen fühlen, können da mal reinfallen.

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