Weihnachten : Bekehrt von Santa Claus

2009 verbrachte unsere Autorin Weihnachten fernab der Heimat. Jetzt ist sie kein Festtagsmuffel mehr

Jacqueline Möller
Ganz normaler Festtagswahnsinn. Hockey, Strümpfe und Ernsthaftigkeit bilden in Kanada den klassischen Weihnachtsdreisatz. Fotos: PA; AFP (2); Privat; Montage: Lobers
Ganz normaler Festtagswahnsinn. Hockey, Strümpfe und Ernsthaftigkeit bilden in Kanada den klassischen Weihnachtsdreisatz. Fotos:...Foto: picture alliance / Bildagentur-o

Weihnachten ist das Fest der Familie. Das war so, das ist so, und das wird immer so bleiben. Daran ändert sich auch nichts, wenn man die Feiertage fernab der eigenen Heimat verbringt. So wie ich vor zwölf Monaten, als ich im Rahmen meines Auslandsschuljahres das Fest in Kanada – genauer: in Vancouver – verbrachte. Weit weg von meiner Familie in Berlin. Im Kreise meiner Gasteltern und Gastschwestern. Durch sie lernte ich Weihnachten von einer anderen Seite kennen.

Klar, haben mir meine Eltern an Heiligabend gefehlt. Der Anblick des großen gelben Paketes, das mich pünktlich zum Fest erreichte, versetzte mir einen leichten Stich: Was würden meine Mutter, mein Vater wohl gerade machen? Vor meinem inneren Auge sah ich sie schweigend beisammensitzen, unfähig mit sich selbst und dem Fest etwas anzufangen. Doch weit gefehlt! Sie hatten beschlossen, dem Weihnachtstrubel kurzerhand den Rücken zu kehren und nach Ägypten zu verreisen. Kein trauriges Beisammensein, weil die geliebte Tochter, das einzige Kind, außer Haus war. Stattdessen wollten sie sich ablenken und wo ginge das besser als im sonnigen Süden?

In mir keimte ein kleiner Anflug von Heimweh und Sehnsucht auf. Aber nur für einen kurzen Augenblick. Denn meine Gastfamilie hatte mich mit viel Liebe aufgenommen und mir das Gefühl gegeben, ein Teil von ihr zu sein. An Heiligabend wurde das besonders deutlich.

Weihnachten ist für meine kanadische Familie ein enorm wichtiges Fest. Alle Mitglieder inklusive der Großeltern versammeln sich. Es wird zusammen gegessen und am Ende des Abends unterhält man sich über unkonventionelle Themen wie Eishockey; Eishockey ist ohnehin eines der Lieblingsgesprächsthemen in Kanada. Generell geht es lockerer zu als in Deutschland. Krippenspiele oder gemeinsames Singen finden nicht statt, was mich sehr freute. Kein Wunder also, dass meine kanadischen Mitschüler und Freunde Weihnachten nicht „uncool“ finden: Das bei uns verbreitete Weihnachtsbashing kennen sie gar nicht.

Zur Entschuldigung aller deutschen Weihnachtsmuffel (zu denen auch ich zähle) sei unter anderem die immer gleiche Leier von Weihnachtsliedern angeführt. In Kanada umfasst das Repertoire nicht nur „Jingle Bells“ und „Stille Nacht, heilige Nacht“. Außerdem kann man sich dort der fröhlichen Stimmung beim Bummel durch die Einkaufsmeilen oder beim Spaziergang durch die mit Lichterketten verzierte Innenstadt nur schwer erwehren. Während man bei uns am Weihnachtsabend nur genervte Gesichter sieht, die sich missmutig in die Kirche schleppen und ihren Eltern beim Singen zuhören müssen, erblickt man in Kanada meist lächelnde, in dicke Mäntel und Schals eingemummelte Gestalten, die sich über Weihnachten freuen.

Auch die traditionsreichen Weihnachtsmärkte haben ein völlig anderes Flair als in Berlin. Meine Gastfamilie ließ es sich nicht nehmen, mir einen der schönsten Märkte Vancouvers zu zeigen. Zu meiner Überraschung befand er sich in eine Lagerhalle, und man musste sogar Eintritt zahlen. So richtig anfreunden konnte ich mich mit dieser Art von Weihnachtsmarkt aber nicht. Er war zu konsumorientiert, zu wenig romantisch. Kein Mandelgeruch lag in der Luft, keine klirrende Kälte kroch einem in die Glieder.

Stollen und Plätzchen backen scheint mir nach meinem letzten Weihnachten auch eher ein deutsches Phänomen zu sein. Meiner Gastfamilie die deutschen Sitten und Gebräuche nahezubringen kam mir jedoch überflüssig und unangebracht vor. Dass kanadische Weihnachtsfest war mir ohnehin viel sympathischer als das deutsche. Das wurde mir bewusst, als ich Anfang Advent die Schulmensa betrat und ein als Santa Claus verkleideter Mann vor mir stand, bis über beide Ohren grinsend und mit einem dicken braunen Jutesack über der Schulter.

Für einen Moment schämte ich mich dafür, je an der Existenz des Weihnachtsmannes gezweifelt zu haben. Augenscheinlich gab es ihn wirklich und augenscheinlich diente er der Unterhaltung meiner Mitschüler. Wie jedes Jahr machten sie Fotos mit ihm, die sie mit netten Grüßen versehen an Freunde und Familie verschickten. Was für meine kanadischen Freunde völlig normal war, war für mich eine Besonderheit. So wie die Strümpfe, die am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages am Kamin hingen, bis zum Rand mit Süßigkeiten gefüllt. Ein weiterer Brauch, von dem ich bis zu diesem Zeitpunkt nichts wusste.

Weihnachten mal von einer völlig neuen, mir bis dahin so fremden Seite zu erleben, war spannend und aufregend zugleich. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich eine Woche vor Heiligabend auch in Kanada von der Panik erfasst wurde, nicht alle Geschenke, Briefmarken und Postkarten besorgte zu haben. Egal wo man sich auf dem Planten befindet: Dem Stress der Weihnachtszeit wird man wohl nie entfliehen.

Meiner kanadischen Gastfamilie, von der ich im Sommer zurückgekehrt bin, habe ich Anfang Dezember einen Adventskalender in Form einer Karte geschickt – um ihnen einen Hauch deutscher Tradition zu vermitteln. Die anderen Geschenke werden nicht verraten, sonst ist es ja keine Überraschung mehr.

Und bei uns daheim in Berlin? Da wird es diesmal ein paar Neuerungen geben. Das traditionelle Fondue an Heiligabend wird durch Truthahn gefüllt mit Äpfeln ersetzt. Und die deutschen Weihnachtslieder werden mit englischen ergänzt. Wie die Änderungen der Weihnachtsroutine bei meinen Eltern ankommen werden, weiß ich noch nicht. Doch wer könnte zu etwas kanadischem Flair schon Nein sagen? Immerhin haben die Erfahrungen in Vancouver selbst einen Weihnachtsmuffel wie mich bekehrt.

Ich habe mir vorgenommen, Heiligabend nicht mehr als „uncool“ abzulehnen wie früher. Mittlerweile glaube ich, dass man die Feiertage überstehen kann, irgendwie, ich bin sogar fest überzeugt davon. Diese Erkenntnis habe ich meiner kanadischen Gastfamilie zu verdanken.

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