Werbinich : Wenn der Lehrer zum Ratgeber wird

Selbstständiges Lernen, individuelle Förderung: Die Montessori-Pädagogik ist immer gefragter. Jetzt gibtes sie auch für Oberschüler

Katja Gartz

Immer mehr Berliner Eltern wollen ihre Kinder auf eine Montessori-Schule schicken, auch dann, wenn sie auf die Oberschule wechseln. Denn immer mehr dämmert, dass nicht Auswendiglernen im Berufsleben gefragt ist, sondern die Fähigkeit, sich selbst zu organisieren und in Zusammenhängen zu denken – Fähigkeiten, die mit der Montessori-Pädagogik besonders trainiert werden. Bis zum vergangenen Jahr mussten Schüler dafür nach Potsdam ziehen, um dort auf die Montessori-Gesamtschule zu gehen. Aber seit Beginn des laufenden Schuljahres gibt es auch an der Freien Montessorischule in Köpenick eine siebte Klasse. Und als erste staatliche Oberschule eröffnet nach den Sommerferien auch die Friedrichshainer Kurt-Schwitters-Oberschule einen Montessori-Zweig mit einer Klasse.

Stark gemacht hat sich dafür die Elterninitiative „Weiterführende Montessorischule“. Eltern und Kinder hatten gute Erfahrungen mit einer Montessori-Kita in Friedrichshain gemacht und konnten in ihrem Bezirk vor sechs Jahren die Pettenkofer Grundschule für die Reformpädagogik gewinnen. Aufgrund großer Nachfrage wird aus der zweizügigen im kommenden Schuljahr eine vierzügige Schule. Für einige Sechstklässer wird es dann in der Schwitters-Schule in der Bötzowstraße weitergehen.

Die 12-jährige Lilja ist froh darüber, weil sie gerne zur Schule geht. „Einen anderen Unterricht kann ich mir gar nicht vorstellen“, sagt die Schülerin der Pettenkofer Schule. Ihre Freundin Clara wechselte aufgrund schlechter Noten nach der dritten Klasse von einer Regel- an die Montessori-Schule. „Vorher ging es nur um den Notendurchschnitt, die Stärken und Schwächen der Schüler waren unwichtig“, erinnert sie sich. Nach dem Wechsel verbesserten sich ihre Leistungen erheblich. „Wenn die Schüler im Mittelpunkt stehen, den Unterricht mitbestimmen und eigene Lösungen entwickeln, lernen sie mehr als durch Vorträge“, sagt Lehrerin Brigitte Schliesing.

Nach dem Konzept der italienischen Reformpädagogin Maria Montessori müssen sich nicht die Kinder der Schule anpassen, sondern die Schule muss sich auf die Schüler einstellen und sie als Persönlichkeiten ernst nehmen. Eine zentrale Rolle spielen im Unterricht Gegenstände. Zur Veranschaulichung der Mathematik dienen einfache geometrische Formen, Perlenschnüre, Würfel oder Dreiecke. Außerdem lernen Kinder mehrerer Jahrgangsstufen zusammen.

Um selbstständig zu recherchieren, lernen die Schüler frühzeitig, Bibliotheken und das Internet zu nutzen. Beim freien Arbeiten bestimmen die Schüler Thema und Pensum selbst – im vorgegebenen Rahmen. Sie wählen aus, mit welchen Materialien sie arbeiten und in welchem Tempo und wann sie Unterrichtsstoffe wiederholen. Die Lehrer bereiten die Klassenräume, Aufgaben, Texte und Bücher vor und sind nur als Ratgeber anwesend. Gefördert werden dabei einerseits die sozialen Fähigkeiten, weil die Schüler aufeinander Rücksicht nehmen müssen und im Team mit anderen zusammenarbeiten.

Andererseits lernen sie, das eigene Arbeiten zu strukturieren und selbstständig zu erledigen. „Das sind Schlüsselqualifikationen für lebenslanges Lernen und das spätere Berufsleben, die gerade in unserer Zeit sehr wichtig sind“, sagt Katrin Girgensohn von der Elterninitiative. Das überzeugte auch das Kollegium der Kurt-Schwitters-Gesamtschule: „Trotz Gruppen- und Projektarbeit sind unsere anderen Schüler nicht selbstständig genug“, sagt Lehrer Thomas Graf, der mit fünf weiteren Lehrern das Montessori-Projekt vorantreibt. Da keiner der Lehrer eine Montessori-Ausbildung besitzt, hospitieren sie an Grundschulen. „Die Kooperationsfähigkeit der Schüler, ihre Organisation und Selbstständigkeit hat mich beeindruckt“, sagt Lehrerin Sylvia Göthling, die sich an der Pettenkofer-Schule angeschaut hat, wie Kinder Englisch lernen.

Geplant sind an der Schwitters-Schule wöchentlich acht Stunden so genannte Freiarbeit in Mathematik, Deutsch, Gesellschaftskunde, Englisch und Naturwissenschaft. Die restlichen Stunden finden in gebundener Form wie an Regelschulen statt. Die Inhalte orientieren sich an den Rahmenlehrplänen, bewertet wird wie überall mit Zensuren. Im Unterricht soll jeder Schüler entsprechend seinen Fähigkeiten und Schwächen gefördert werden, das ist die so genannte Binnendifferenzierung. Das bedeutet, dass die Lehrer für jeden Schüler individuelle Aufgaben vorbereiten müssen. „Das ist ein erheblicher Mehraufwand, doch wir sind überzeugt, dass es sich lohnt“, sagt Lehrerin Doris Kleinbielen.

In der ersten Stunde am Montag wird der Wochenplan besprochen, in der letzten am Freitag ein Resümee gezogen. Jeder Schüler führt zudem ein „Pensenbuch“, in das er seine Ziele und Aufgaben einträgt. Der Lehrer vermerkt, was gut bearbeitet wurde und wo noch Nachholbedarf besteht. Aber nicht nur die Lehrer werden stärker in die Pflicht genommen, auch die Eltern: Es wird erwartet, dass sie sich untereinander besser austauschen und sich bei Projekten unterstützen.

Finanzieren muss die Schule das Montessori-Angebot aus eigenen Mitteln und mit Hilfe von Spenden. Dass es nicht mehr Montessori-Oberschulen gibt, liegt laut Senatsschulverwaltung daran, dass es bisher zu schwierig gewesen sei, jahrgangsübergreifendes Lernen in den Klassen sieben bis zehn zu organisieren.

Das neue Schulgesetz ermöglicht den Schulen mehr Eigenverantwortung und Freiräume bei der Gestaltung ihres Programms. „Das Konzept der Schule entscheidet, ob es gelingt“, sagt Stefan Stiller, der Sprecher der Schulverwaltung. Die Erfahrungen des ersten Jahres sind für die Zukunft des Montessori-Angebots an der Schwitters-Schule entscheidend.

„Wenn sich das Konzept gut entwickelt, können wir im nächsten Jahr eine zweite Klasse eröffnen“, sagt der stellvertretende Schulleiter Roman Radzioch. Ingrid Gesslein, Leiterin des Berliner Ausbildungsinstituts „Montessori heute“, verzeichnet einen regelrechten Montessori-Boom. „Nach der Pisa-Studie haben viele Leute gemerkt, dass Lernen schon in der Kita anfängt und die Fähigkeit, sich selbstständig Wissen aneignen zu können, in der Oberschule gefragt ist“, sagt er. Die Grundvoraussetzung für den Montessori-Unterricht sind für sie jedoch nicht nur neue Aufgaben und Schulbücher, sondern ausgebildete Lehrer.

Die Kreuzberger Nürtingen-Grundschule macht bereits seit 13 Jahren positive Erfahrungen mit der Montessori-Pädagogik. „Man kann viel besser auf das unterschiedliche Leistungsniveau der Schüler reagieren“, sagt Schulleiter Gerd-Jürgen Busack. Die Schüler würden nicht schneller lernen, aber besser.

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