Werbinich : Wenn die Gefahr am größten ist

Im Eröffnungsfilm des „14plus“-Festivals geht es um Kindersoldaten – unser Kritiker findet „Voces inocentes“ gut

Torsten Landsberg

Chava ist ein ziemlich schlaues Kerlchen, seine dunklen Augen leuchten. Der Junge mit den pechschwarz gelockten Haaren ist elf Jahre alt, ein Alter, in dem ein unbeschwertes Leben eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Doch Chava, die Hauptfigur aus dem Film „Voces inocentes“ (Unschuldige Stimmen), der auf der Berlinale das Jugendfilmprogramm 14plus eröffnet, lebt im El Salvador der 80er Jahre. Es herrscht Bürgerkrieg und der Junge lebt mit seiner Mutter und den beiden Geschwistern unmittelbar zwischen den Kriegslinien, die Armee kämpft gegen eine Widerstandsgruppe der Bauern um die Landrechte.

Abends, wenn seine Mutter Kella zur Arbeit geht, muss Chava die Verantwortung tragen für seinen kleinen Bruder und die etwas ältere Schwester. Sein Vater ist vor dem Krieg in die USA geflüchtet. Er wacht über seine Geschwister, während die Gefahr am größten ist, denn nachts beginnen die Kämpfe der Kriegsparteien. Dass jeden Morgen Leichen getöteter Guerillas und Zivilisten auf den Lehmwegen und in den Rinnsteinen liegen, gehört zum erschütternden Erscheinungsbild des Dorfes, in dem die Familie lebt, während für Chava der Krieg näher und näher rückt.

Ihm steht der Tag bevor, an dem zu dieser Zeit für die Jungen in El Salvador die Kindheit jäh endet: der zwölfte Geburtstag. Um ihre Einheiten zu stärken, rekrutiert die Armee die Jungen des Dorfes, sobald sie ihr zwölftes Lebensjahr vollendet haben. Die Soldaten holen sie direkt aus der Schule, fangen die Kinder beim Spielen auf der Straße ab oder reißen sie unter dem Flehen der Mütter brutal von zu Hause los. Die Kinder werden zum Kämpfen und Töten gezwungen. Die einzige Alternative, der Armee zu entgehen, besteht darin, sich den Rebellen anzuschließen. Vor dem Krieg aber gibt es, egal auf welcher Seite, kein Entkommen.

Der mexikanische Regisseur Luis Mandoki, der bereits „When a Man loves a Woman“ mit Meg Ryan und „Angel Eyes“ mit Jennifer Lopez drehte, verfilmte mit Chavas Geschichte eine wahre Begebenheit, die auf den Erfahrungen des Drehbuchautors Oscar Torres basiert. Torres selbst floh mit zwölf Jahren aus seinem Heimatdorf Cuscatazingo in die USA, um der Armee zu entkommen.

Obwohl „Voces inocentes“ einen Stoff behandelt, der mehr als 20 Jahre zurückliegt, birgt er eine bedrückende Aktualität: Auch heute noch müssen in vielen Teilen der Welt – im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo ist beispielsweise jeder dritte Soldat unter 18 Jahre alt – Kinder an Kriegshandlungen teilnehmen. Für 2004 geht die Menschenrechtsorganisation Terre des Hommes von rund 30 Ländern aus, in denen Kinder und Jugendliche für militärische Zwecke missbraucht werden, nach Schätzungen sind es weltweit 300 000. Sie kommen an der Front zum Einsatz, ausgestattet mit Waffen, die nicht selten größer sind als sie selbst, oder werden als menschliche Minendetektoren eingesetzt. Diejenigen, die überleben, müssen mit Folgeschäden leben, mit Behinderungen, entstellten Körpern und psychischem Leid. Jahr für Jahr sterben tausende von ihnen, ohne je etwas vom Leben gehabt zu haben. Sie sind nicht nur Opfer und Leidtragende des Krieges, sondern werden auch noch dazu genötigt, zu Tätern zu werden.

Die internationale Politik versucht über den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gegen die Rekrutierung von Kindern vorzugehen, indem sie diese verfolgt und den betreffenden Ländern wirtschaftliche Sanktionen androht. Tatsächlich beschränkten sich die UN-Aktionen im vergangenen Jahr aber lediglich auf sechs bewaffnete Konflikte, in denen Kindersoldaten zum Einsatz kamen, was nicht zuletzt mit den regionalpolitischen Interessen der ständigen Ratsmitglieder zusammenhängt. Hinzu kommt, dass sich diktatorische Kriegsfürsten nur selten davon beeindrucken lassen, dass westliche Staaten den Einsatz von Kindersoldaten ächten.

In unserem Bewusstsein spielt das Schicksal von Kindersoldaten keine tragende Rolle, die Berichterstattung aus Bürgerkriegsgebieten erstreckt sich nur selten auf grausame Details, so dass sich die Problematik im Verborgenen abspielt. Der Film „Voces inocentes“ hingegen führt die Schrecken des Krieges unmittelbar aus dem Blickwinkel eines betroffenen Kindes vor und schafft es dadurch, Schrecken, Verzweiflung und Hilflosigkeit beispiellos darzustellen.

Regisseur Mandoki schildert die Zerbrechlichkeit der Kinder und die Liebe der Familie, die sie nicht vor ihrem Schicksal beschützen kann, bedrückend und eindrucksvoll. So eindrucksvoll, dass der Zuschauer sprach- und fassungslos im Kinosessel auf den Abspann starrt – und, wenn das Licht angeht, hofft, dass die Worte Albert Einsteins eines Tages Gehör finden. Der sagte nämlich, es könne keine großen Entdeckungen geben, solange noch ein unglückliches Kind auf Erden lebt.

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