Werbinich : Wie die Banane krumm wurde

Das Schüler-Halbfinale des Erzählwettbewerbs zeigt: Geschichten erfinden lohnt sich – auch pädagogisch

Viola Zech

Auf der allerschönsten Palmeninsel in der Südsee wohnt Carlos Curvo und verkauft Radioantennen, Regenschirme und Früchte ohne Namen. Sein Pech: Eine Horde Affen dringt jede Nacht in den Laden ein und verbiegt die Antennen und die Schirme. Wer will schon krumme Antennen kaufen? Doch Carlos Curvo weiß sich zu helfen: Er überredet die Affen, statt der Antennen die Früchte ohne Namen zu verbiegen, und wird durch den Verkauf der krummen Dinger reich.

So also sind die Menschen auf die Bananen gekommen – wenn man Buyegi Kisalya glaubt. Der Siebtklässler aus dem Charlottenburger Schiller-Gymnasium hat diese Geschichte für den Erzählwettbewerb des Tagesspiegels geschrieben und ist damit bis ins Halbfinale gekommen, das vor einer Woche im Ethnologischen Museum in Dahlem stattfand. Vor seinem Auftritt war er mächtig aufgeregt: „Ich dachte: Vielleicht werde ich mich jetzt total blamieren?“ Aber im Gegenteil: Auf die Zuhörer wirkte er ruhig und konzentriert, sein Vortrag wurde mit großem Applaus belohnt.

Eine Geschichte schreiben, an Sprache, Dialogen und Spannungsbogen feilen und sie dann auch noch gut vortragen – was im Wettbewerb verlangt wird, das findet zunehmend auch in den Lehrplänen Raum. „In allen Rahmenplänen ist Erzählen, Lesen und Schreiben gekoppelt, denn diese drei Fähigkeiten gehören zusammen“, sagt Fritz Tangermann, Referent in der Bildungsverwaltung und Juror des Wettbewerbs. Gerade der Wechsel zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit liegt den Pädagogen am Herzen: Die Schüler schreiben eine Geschichte, besprechen sie mit Mitschülern, verbessern den Text und tragen ihn dann vor – das schult auch für die Präsentationen, die im Rahmen des mittleren Schulabschlusses und des Abiturs verlangt werden. Dass es sich oft um erfundene Geschichten handelt, ist Tangermann nur recht: „Wir wollen in den Rahmenplänen weg von stereotypen Aufgabenmustern und das Spiel mit Sprache und Ideen fördern.“

Helge Martens, Deutschlehrer an der John-F.-Kennedy-Schule, hat mit seiner 8. Klasse am Wettbewerb teilgenommen und bestätigt: „Durch das Geschichtenschreiben werden den Schülern wichtige Kompetenzen spielerisch durch die Hintertür vermittelt.“ Wichtig sei aber auch der öffentliche Faktor des Wettbewerbs: „Die Schüler nehmen die Aufgabe ernst, weil ihre Geschichten nicht nur vom Lehrer und den Eltern gewürdigt werden, sondern von einem Publikum.“ An der John-F.-Kennedy-Schule soll als direkte Folge des Wettbewerbs Kreatives Schreiben zukünftig als eigenständiges Wahlpflichtfach angeboten werden.

Beim Halbfinale im Ethnologischen Museum in Dahlem waren 64 Schüler aus 16 Berliner Schulen dabei – von der Andersen-Grundschule in Wedding bis zum Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Wilmersdorf. Zwischen den Schokoladen-Schalen der Maya und Azteken und auf einem farbenfrohen Marktplatz in der Südsee-Abteilung trugen die Schüler ihre Geschichten vor. Einen Sonntag lang drehte sich alles ums Essen: um Schokolade, exotische Früchte und Gewürze, Zucker und Kaffee, Lebensmittel, die aus fernen Ländern nach Europa gekommen sind – das Thema des diesjährigen Erzählwettbewerbs und einer Hörbuchreihe des Tagesspiegels (siehe Kasten).

Vielleicht kein Zufall bei dem kulturübergreifenden Thema: In diesem Jahr waren besonders viele Schüler mit Migrationshintergrund unter den Halbfinalisten. Emre Gülpinar vom Ernst-Abbe-Gymnasium in Neukölln, 17 Jahre alt, erzählte eine tragische Liebesgeschichte aus dem Kasachstan der 50er Jahre, in der Gewürze die Verbindung zwischen den Liebenden darstellten; Zühal Dizdaroglu einen schmissigen Krimi rund um einen Mörder, der auf den Leichen Schokoladentafeln hinterlässt.

Die Schüler von Hannelore Römer von der 6. Klasse des Eckener-Gymnasiums in Tempelhof haben beim Wettbewerb auch noch etwas anderes gelernt: Anstatt die Geschichten handschriftlich abzugeben oder von den Eltern tippen zu lassen, haben sie sich gegenseitig beigebracht, wie man einen Text richtig formatiert. Zwei Schüler , die sich mit EDV gut auskannten,betreuten ihre Mitschüler als Tutoren. Das Ergebnis hat die Vorjury des Wettbewerbs begeistert, denn alle Texte waren übersichtlich formatiert.

Einen besonderen Erfolg konnte die zwölfjährige Laura Ribet verbuchen: Ihre Geschichte „Auch Götter lernen dazu“ wurde sogar im Radio gesendet, innerhalb einer Live-Sendung der „Zeitpunkte“ des RBB-Kulturradios direkt aus dem Beduinenzelt des Restaurants „eßkultur“ im Ethnologischen Museum. In Strümpfen und gemütlich auf Kissen am Boden sitzend, lauschten die Besucher ihrer originellen Umkehrung herkömmlicher Mythen: Nicht die Menschen erhalten demnach Gaben und Erkenntnisse von den Göttern, sondern die Götter sitzen verbittert im Olymp und neiden den Sterblichen ihr leckeres Essen. Am Ende der Geschichte haben alle Götter den Olymp verlassen, angelockt vom Kaffeeduft, der Schokolade und den saftigen Früchten auf Erden. „Nur ein Gott ist in seiner Heimat geblieben: Zeus. Noch heute bastelt er an einer funktionierenden Kaffeemaschine herum.“

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