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Wer ein WM-Ticket hat, sollte die Grundregeln im Stadion kennen. Ein Schnellkurs

Richard Kropf

Noch sieben Tage, das ewige Runterzählen hat bald ein Ende, endlich rollt der Fußball bei der WM 2006. Es soll ja sogar ein paar Menschen geben, die Eintrittskarten bekommen haben. Komischerweise sind extrem viele darunter, die sich noch nie ein Stadion verirrt haben. Für unseren Fan und Autor (ohne WM-Karte!) eine wunderbare Möglichkeit, mit seinem Wissen zu prahlen. Ein Ratgeber fürs WM-Stadion.

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Grundkurs, Punkt 1: Vor dem Stadion wird es Typen geben, die genau deine WM-Karte kaufen möchten („Psssssssst, Tickets?“). Da es wahrscheinlich sehr viele sein werden, lerne einfach folgenden Text auswendig: „Es tut mir sehr Leid. Aber diese Karte ist nicht übertragbar. Das steht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die ich hier zufällig mal dabei habe. Und außerdem habe ich mein ganzes Leben darauf gewartet, Ukraine gegen Tunesien einmal live zu sehen.“

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Grundkurs, Punkt 2: Schinken-Schnittchen und Bier lasst ihr schön zu Hause auf dem Couchtisch liegen. Der Fan ist kein Selbstversorger. Er stellt sich zuerst in die Bier-Schlange im Stadion, wartet dort eine gefühlte Dreiviertelstunde, um sich im Anschluss in die Würstchenschlange zu stellen, ebenfalls eine gefühlte Dreiviertelstunde lang. Oder andersrum (je nach Geschmack: schales Bier/warme Wurst oder kalte Wurst/frisches Bier). Der Preis spielt hierbei keine Rolle, niemals. Kleiner Tipp: Vorher Sparkasse besuchen und das „Knax“-Konto plündern.

Grundkurs, Punkt 3: Achte nicht darauf, wer neben dir sitzt. Achtet lieber darauf, wer hinter dir sitzt. Es ist zwar nur für andere lustig, wenn du eine dreilagige Klorolle – ploing! – an den Kopf geschmissen bekommt. Aber Bier im Hemdkragen kann richtig schön auf die Stimmung schlagen (gerüchteweise war das auch der Anlass für die Erfindung des Fanschals).

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Grundkurs, Punkt 4: Zeig’ dich feierlich. Vor Beginn des Spiels werden die Nationalhymnen beider Teams gesungen. Auch von dir. Schau’ während der deutschen Hymne auf den Text auf der Anzeigetafel, lass den Sarah-Connor-Fan-Kennerspruch fallen: „Will mal sehen, ob sie ‚brüh’ oder ,blüh’ schreiben.“ In Wirklichkeit prägst du dir blitzschnell die zweite Strophe ein.

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Grundkurs, Punkt 5: Nicht nerven. Die Diskussionen um das Design gewisser Elemente der WM sind abgeschlossen, wirklich. Wärme das Thema nicht wieder auf! Nein, der WM-Ball sieht nicht so aus, als hätte man Damenbinden draufgeklebt. Und dass Goleo wie eine Kreuzung aus Lama und Löwe aussieht und keine Hose … ja, das kennt wirklich jeder.

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Grundkurs, Punkt 6: Auf alles schimpfen (besonders beliebt in Berlin!), nur nicht auf die eigene Mannschaft: Den Gegner, den Kapitalismus und natürlich den Schiri. Sei originell. Aber Achtung: „Schiri, deine Eltern sind Geschwister!“ mag originell sein, ist aber doch eher deplatziert.

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Grundkurs, Punkt 7: Halbzeit! Kurz auf Toilette? Sicher? Mal überlegen. Beispiel: Im Olympiastadion befinden sich 74000 Zuschauer. Und exakt 434 Urinale. Das sind pro Urinal... richtig. Wann wirst du also an der Reihe sein? Kurz vor Abpfiff? Also: Halte durch! (Wenn deine Mannschaft hinten liegt, gilt das nicht. Dann muss man auf Toilette, ganz sicher. Denn wenn man gerade vorm Pinkelbecken steht, fallen draußen die Tore, immer!)

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Grundkurs, Punkt 8: Fachsimpeln nicht vergessen. Berichte von deinen Panini-Sammelbildern aus den Neunzigerjahren, sage „Rudi Riese hieß früher Tante Käthe“ und lass immer wieder die total szenigen Begriffe „massierte Abwehr“ und „kontrollierte Offensive“ fallen. Egal wann, sie passen immer.

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Grundkurs, Punkt 9: Vermeide hingegen folgende Sätze: „Michael Ballack ist aber süüüß!“, „Haben die Roten vor der Pause nicht in die andere Richtung gespielt?“, „Wo ist denn Lothar Matthäus?“ und „Ich bin für Holland!“

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Grundkurs, Punkt 10: Komm ja nicht auf die Idee, eine „La Ola“ zu starten. Du wirst dich blamieren. Die Welle starten andere. Wer das ist, weiß keiner, aber du bist es nicht.

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Grundkurs, Punkt 11: Hinterfrage sie niemals die grammatikalische/ sprachliche/ inhaltliche Richtigkeit von Schlachtrufen wie „Es gibt nur ein Rudi Völler“ oder „Geh’ doch zu Hause, du alte Scheiße“. Der Fanblock hat immer Recht.

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Grundkurs, Punkt 12: Ruf ja nicht: „Deutschland vor, noch ein Tor!“ Das war in der Vorschule. Heute heißt es „Auf geht’s Deutschland, schieß ein Tor!“, im Anschluss „Einer geht noch, einer geht noch rein!“ Oder: „Steht auf, wenn ihr für Deutschland seid.“

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Grundkurs, Punkt 13: Sollte ganz plötzlich Joseph S.(epp) Blatter neben dir auftauchen, und du nicht zufällig der zweite Mensch (neben dem Papst) auf dieser Welt bist, der auf seine Gunst nicht angewiesen ist, vermeide folgende Namen und Begriffe: André Heller, Eröffnungsfeier, deutsches Bier und deutsche Autos, Allmachtsphantasien, Kuckucksuhr.

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Grundkurs, Punkt 14: Sei höflich und gastfreundlich (Die Welt zu Gast bei blabla …). Aber: Reagiere zögerlich, wenn dich ein wahrscheinlich eher kurzhaariger Typ einlädt, die gegnerischen Anhänger nach dem Spiel etwas näher kennen zu lernen, „in einem kleinen Waldstück nahe der polnischen Grenze“.

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Grundkurs, Punkt 15: Falls du nicht zufällig ein vollkommen überzogenes Selbstbewusstsein hast, verlasse niemals vor dem Abpfiff das Stadion, um ein mögliches Verkehrschaos zu umgehen. (Auch nicht in der 93. Minute bei Tunesien gegen Ukraine, und auch nicht beim Spielstand 0:0 und erst recht nicht, wenn deine Freundin noch „The L-Word“ gucken will).

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Grundkurs, Punkt 16: In der völlig überfüllten U-Bahnlinie 2 auf dem Heimweg singst du dann mit allen anderen „Wir wollen wippen, wippen, wippen“ und tust so, als ob auch du wippen würdest. Beim Rausgehen grölst du noch schnell: Bis zum Saisonstart, Jungs! Wir sehen uns bei Hertha. Die wippenden Jungs sind von nun an deine Freunde.

Wir wünschen viel Spaß in den Stadien der Fußball-WM. Oder, ganz genau: bei der „Federation Internationale de Football Association (Fifa) Fussball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland Trademark (tm)“. (Wer sich diesen offiziellen Titel nicht merken kann, muss mit einem bundesweiten Stadionverbot bis 9. Juli rechnen.)

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