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Von Steglitz bis Lichtenberg gibt es 40 Hip-Hop-Labels. Der neue Film „Rap City Berlin“ beweist das

André Görke

Viel hat der Junge nicht zu sagen. Toni D., der Rapper vom Schöneberger Label „Aggro Berlin“, sitzt auf einem braunen Stoffsofa , den Arm hat er hinter seinen Kumpel gelegt. „Entweder Sport oder Krieg“, nuschelt Toni also und schiebt die passende Antwort gleich hinterher: „Und Berlin is’ Krieg!“ Schnitt, nächste Szene.

Ganze vier Stunden lang geht das so. Drogen und Waffen, Sex und Gewalt, harte Sprüche – Berlins Hip-Hop-Szene. Im Kreuzberger Kino „Eiszeit“, nicht weit entfernt vom Görlitzer Bahnhof, wurde die DVD vor einigen Tagen in kleinem Kreis gezeigt. „Rap City Berlin“ heißt das Werk, und wer bislang keine Ahnung hatte, warum die Berliner Rapper in Restdeutschland als arrogante bis aggressive Typen gelten, weiß jetzt, warum. „Rap City Berlin“ hat so eben die Prüfung bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, kurz FSK, bestanden. Ab 18. April soll die DVD für 20 Euro erhältlich sein, in Hip-Hop-Läden und Kaufhäusern.

Doch springen wir noch einmal zurück zu diesem Typen, der meint, das Leben in Berlin sei „Krieg“. Der 22-jährige Toni D., so sein Künstlername, rappt in einer Hip-Hop-Crew, die den hübschen Namen „Sekte“ trägt. Zur „Sekte“ wiederum gehören auch Jungs wie Sido, der es mit seiner silbernen Maske vor dem Gesicht und dem Song „Mein Block“ zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Sido, ein 24-Jähriger, der im Märkischen Viertel aufgewachsen ist, dort aber wegen all der Schulklassen vor seiner Wohnung heimlich umgezogen ist, darf seine Meinung über Hip-Hop aus Berlin auch auf der DVD kundtun. Und er sagt: „Ich hoffe nicht, dass die Leute andere abstechen, nur weil sie hören, dass auch ich einen abgestochen habe.“ In welchem Zustand Sido solche Sätze sagt, ist nicht ganz klar. Statt einer Maske trägt er im Video nur eine Sonnenbrille. Und vor ihm steht eine Flasche Jägermeister.

Was soll das Ganze? Als der Film über die 40 Hip-Hop-Labels in Berlin mit seinen mehr als 150 Rappern im „Eiszeit“ gezeigt wurde, mussten sogar die coolen Jungs in den dicken Jacken lachen. Ja, Berlin bestätigt sein Image als aggressive Hip-Hop-Stadt. Im Vorspann schnappen Pitbulls nach der Kamera, maskierte Typen posen mit dicken Halsketten, ein Junge hält plötzlich ein Hackebeil wie vom Fleischer hinter der Wursttheke in der Hand. Vielleicht war das mit dem Krieg übertrieben, brutal sehen diese Männer allerdings schon aus.

Das kann man von dem 26-jährigen Stephan von Gumpert nicht behaupten. Er ist einer von drei Machern der jungen Filmfirma Mantikor, die im Wohnzimmer eines Schöneberger Hinterhofes ein paar Rechner hingestellt haben, und nun hoffen, „dass für das Jahr Arbeit ein paar Folgeaufträge rausspringen“. Heute die DVD, morgen vielleicht das neue Video eines berüchtigten Berliner Hip-Hoppers. Mit der Berliner Rap-Szene habe er nicht viel zu tun, er reime nicht, sei Filmemacher, habe früher aber „aktiv gesprüht“. Was er damit meint, ist an seiner Wand zu sehen. Im Büro hängen viele Fotos von Graffitis.

Stress hatten die drei genug. Alle Berliner Hip-Hop-Labels zu einem gemeinsam Projekt zu überreden, bedarf einer gewissen Hartnäckigkeit. Viele sind verfeindet, und selbst wenn nicht: Die wenigsten Hauptstadt-Rapper wirken, als könnte man sie auf der Straße anplaudern und darum bitten, sich mal bitte schön kurz vor der Kamera vorzustellen.

In anderen Städten sei das einfacher, heißt es. Schau nach Stuttgart! Die alte Kolchose mit den Fantastischen Vier, Max Herre oder auch Massive Töne. Liebe Jungs, so lieb gar, dass auf der „Rap City Berlin“ das Klischee gepflegt wird: „Wenn sich in Stuttgart zwei Rapper treffen, heißt es: Na, wollen wir was zusammen machen?“ In Berlin würde das Gespräch so beginnen: „Ey, wer bist’n du?! Lass uns battlen!“ Battle. Wettkampf. Es geht immer um Stärke und um das Gewinnen, selten um Spaß. Hamburg hat Fettes Brot, die ein amüsantes Lied nach dem anderen hervorbringen, jetzt erst mit „Emanuela“ vom neuen Album „Am Wasser gebaut“.

Aus Berlins Hip-Hop-Szene ist in den Charts nun wieder ein ernstes Lied dabei, von Bushido. Sein Lied heißt: „Nie ein Rapper“. Im Video erzählt er vom Knast, von seinen Eltern, von Musik. Dabei lässt er sich vor einer Hochhauskulisse filmen, ein anderes Mal am Steuer einer dicken Limousine unter den Yorckbrücken. Ein offenbar knallhartes Leben, in Schwarz-Weiß. Fast wie in den USA.

Doch vielleicht lebt die Szene so wirklich. Nur drei Hip-Hop-Labels kommen aus dem Ostteil der Stadt, keines aus dem schicken Mitte. Die meisten leben in den West-Berliner Vierteln, die von der Architektur der 70er-Jahre geprägt sind. Jedes Viertel ist ein Block für sich. Aber sind das wirklich Ghettos?

Im Sommer wird bei Chemnitz wieder das Open-Air-Festival „Splash!“ stattfinden. Viele von der DVD wollen dort rappen oder zumindest dabei sein. So einer wie „Prinz Porno“ aus Steglitz, der mit seiner runden Brille sehr brav wirkt. Er habe keinen Bock auf den Proll-Quatsch, sagt er. Seine Reime hören sich so an: „Ich wuchs auf in einer Nachbarschaft / in der du keine Angst vor dem Nachbarn hast / wo du an der Ecke keine Hustler hast“. Die Worte sind nicht auf jedem Schulhof zu verstehen, und doch wissen viele, was ein Hustler ist. Ein Gangster.

Doch so sehr sich ein Teil der Szene auch an Waffen („Klick, Boom!“), protzigen Mietwagen und albernen Potenznamen erfreut, so intensiver scheint ein anderer Teil der Berliner Szene nachzudenken. Viele Hip-Hopper rappen gegen die Brutalität ihrer Kollegen. „Lasst den Kinderscheiß hinter euch“, heißt es bei Main Theme Records. Und ein Rapper wie Harris von G.B.Z. („Gras, Becks und Zärtlichkeit“), der einst auch mit Afrob auftrat, sagt: Batteln, posen, alles klar, aber wer dicke Felgen und eine fette Karre haben wolle, müsse dafür auch arbeiten gehen. Selbst ein Rapper wie „Frauenarzt“, der früher bestimmt nicht Schulsprecher war, empfiehlt Jugendlichen anstatt Drogen zu nehmen, „lieber Sex und Geld zu machen“. Da habe man mehr Spaß dran.

Als einer der Letzten darf sich schließlich Kool Savas, 29, melden, sozusagen mit dem Wort zum Sonntag. Er lege Wert darauf, dass die „Westdeutschen“ doch bitte das von ihm beschriebene Leben der „Hauptstadtkids“ auf gar keinen Fall nachleben. „Jeder Normaldenkende weiß, dass wir posen“, sagte er. Und fügt hinzu : „Ich denke, dass niemand von uns das Anliegen hat, schlechte Menschen zu züchten.“

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