• „Wir haben uns den Problemen in Kreuzberg gestellt“ Kommunizieren und schuften: Ein Schulleiter über sein Erfolgsrezept in einem schwierigen Kiez

Werbinich : „Wir haben uns den Problemen in Kreuzberg gestellt“ Kommunizieren und schuften: Ein Schulleiter über sein Erfolgsrezept in einem schwierigen Kiez

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Pisa ist mehr als der Vergleich von Schülerleistung: Mithilfe eines Fragebogens, den die Schulleiter ausfüllen, erfahren die Forscher viel über die Rahmenbedingungen und Probleme der Schulen. Anhand dieser Angaben kristallisierten sich Merkmale heraus, denen jetzt erstmals in einem Pisa-Bericht ein extra Kapitel gewidmet wurde. Es teilt alle Schulen in vier Typen ein. Für Berlin kam heraus, dass von den 125 Schulen, die bei Pisa teilnahmen, nur 38 Prozent als „aktiv“ bezeichnet werden können.

Im Detail: Als „unbelastet und aktiv“ werden sechs Prozent (Bund: 15) eingestuft, als „unbelastet und passiv“ 35 Prozent (Bund: 26), als „belastet und aktiv“ 32 (Bund: 32) und als „belastet und aktiv“ 27 Prozent (Bund: 27). Als Merkmal für „aktiv“ gilt etwa der selbstkritische Blick auf das Erreichte, die intensive Kooperation der Lehrkräfte, die Einbeziehung der Eltern, eine effiziente Zeitnutzung und die „Förderung eines ordentlichen Lernumfeldes“. Eine Schule, die schon vor Pisa all diese Merkmale erfüllte, ist die Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule in Kreuzberg.

Laut Pisa-Bericht gelten über 60 Prozent der Berliner Schulen als „passiv", weil sie ihre Spielräume nicht ausnutzen. Überrascht Sie das?

Pisa legt Kriterien an, die für viele Schulen noch neu sind: Evaluation der Lehre, Beobachtung der Leistungszuwächse, Kooperation zwischen den Lehrern. Die Schulen, die nach diesen Kriterien als „passiv" gelten, sind nicht faul: Sie haben nur gedacht, dass ihr System auch so tragfähig ist, und sie haben eine andere Vorstellung von Verantwortung.

Ihre Schule gilt vielen als Prototyp der aktiven Schule. Wie kommt man dahin?

Wir haben uns dem Handlungsdruck gestellt. Der äußere Druck ist hier in Kreuzberg größer als in den so genannten bürgerlichen Bezirken. Seit der Gründung der Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule vor 30 Jahren wurde immer sehr selbstkritisch gearbeitet. Seit 1995 – fünf Jahre vor Pisa – haben wir das noch intensiviert. Da haben wir uns gefragt, wie man die Lernerfolge optimieren kann.

Auch in anderen Bezirken ist der Druck sehr groß. Mit den gleichen Problemen wie hier. Manche Schulen sind daran gescheitert. Was haben Sie anders gemacht?

Der springende Punkt ist die Kommunikation und die Offenheit, darüber nachzudenken, was verbessert werden muss. Das hat unser Kollegium von Anfang an gemacht. Viele Lehrer hatten sich ja bewusst hier beworben, als die Schule 1975 als Ganztags-Gesamtschule in einem schwierigen Umfeld gegründet wurde. Eine ganz wichtige Rolle spielen die Konferenzen der Fachlehrer und der Jahrgangslehrer. Die Kollegen waren immer länger hier in der Schule anwesend als üblich. Sie arbeiten ganz nah an der Grenze des Machbaren.

Auch andere Lehrer arbeiten viel und dennoch entwickeln ihre Schulen nicht solche Aktivitäten wie Ihre Schule.

Wir sind keine Weltmeister, sondern nur bewusste Menschen.

Welche Rolle hat der Schulleiter? Muss er Manager sein?

Ich mag das Wort nicht. In der freien Wirtschaft gelten andere Führungsprinzipien. Aber natürlich hat der Schulleiter zu leiten. Wenn er den Überblick verliert über die komplexen Abläufe, gibt es ein Problem.

Wenn man Ihre Schule betritt, hat man den Eindruck, vom Fußboden essen zu können. Haben Sie mehr Reinigungskräfte als andere Schulen?

Nein. Aber wir schaffen Gewohnheiten und eine hohe Präsenz von Lehrkräften, die darauf achten, wie die Schule aussieht. Verschmutzungen werden konsequent verfolgt, wenn was kaputt geht, wird sofort repariert.

Andere Schulen schaffen das nicht und resignieren. Reißen die sich einfach nicht zusammen?

Die Kollegen müssen begreifen, dass sie kommunizieren müssen und ein Leitbild brauchen. Mit „Zusammenreißen" hat das erst mal nichts zu tun. Natürlich ist es nicht immer leicht. Manchmal fragen mich die Kollegen „warum knüppelst Du schon wieder?" Nicht immer erschließt sich der Sinn und die Notwendigkeit von bestimmten aufwändigen Reformen sofort. Dann gilt wieder: Bildungsreform muss kommuniziert werden. Von allen an der Reform Beteiligten. Auch die Administration verfügt nicht über den Zauberstab.

Ist der Beamtenstatus hilfreich dabei, Menschen zu mehr Einsatz zu motivieren?

Mittelfristig wird es bestimmt eine Beamtenbesoldung geben, die nach Leistung geht. Aber entscheidend ist was anderes: Man muss vermitteln, dass Schule eine komplexe Angelegenheit ist und man mit verhaltener Mitarbeit nicht weiterkommt.Das Gespräch führte S. Vieth-Entus

Gerhard Rähme, 58, übernahm die Leitung der Ossietzky-Schule bereits mit 31 Jahren. Er unterrichtet zurzeit Deutsch in der Oberstufe. Sein Kollegium besteht aus 124 Lehrern.

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