Werbinich : Wir können auch anders

Hier kiffen alle. Schon die Zweitklässler. Das sagt Musa, ein 15-Jähriger vom Kottbusser Tor Mit Freunden spielt er den Alltag im Theater nach, mit Drogen und Gewalt. Unsere Autorin hat ihn besucht

Claudia Keller

Ob er das neue Leben wirklich durchhält? Keine Ahnung, das weiß Musa noch nicht. Ein Leben ohne Drogen, ohne Joints, ohne Alkohol? Musa zieht sich das rote Käppi tief ins Gesicht, dann sagt er: „Es ist hier leichter an Drogen ranzukommen, als sich von ihnen fernzuhalten.“

Musa Seis ist 15 Jahre alt. Er lebt mit seinen Eltern in der Nähe vom Kottbusser Tor, tief in Kreuzberg. An den Nachmittagen machen die Jungs hier nichts anderes als auf den Straßen rumzuhängen, sich zu langweilen und zu kiffen. „Wir wachsen hier mit dem Geruch von Haschisch auf“, sagt Musa und meint das ziemlich ernst. „Hier kifft jeder. Schon die Zweitklässler.“

Musa kennt sich mit Drogen aus, er hat sie konsumiert. Aber er hat auch gesehen, was aus seinen älteren Brüder geworden ist. Was er damit meint? „Na, die haben die Schule total verkackt. Jetzt sitzen sie rum. Das war’s.“

Musa trinkt ein Glas Wasser im Café der „Naunynritze“, einem Jugendclub in der Kreuzberger Naunynstraße. Ein paar Kumpels kommen vorbei, sie bieten ihm eine Zigarette an. „Nee“, sagt Musa.

In der „Naunynritze“ spielen sie längst nicht mehr nur Tischtennis, so wie früher, heute machen sie dort Theater. Musa und neun seiner Jungs haben zusammen mit dem Schauspieler und Regisseur Ayhan Sönmez das Stück „Kotti“ geschrieben und führen es auf. Musa spielt den Boss einer Gang, einer Art Jugend-Mafia, die am „Kotti“ Drogen verkauft. Musa nennt sich Memo, und Memo setzt sich am Ende den „goldenen Schuss“, die tödliche Überdosis.

„Jeder von uns hier hat schon Freunde durch Drogen, Messerstiche oder Schüsse verloren“, sagt Aylin Firat, 29, später bei einem Gespräch im Café. Sie ist auf der Bühne Memos Freundin. Sie hat den Ausstieg aus der Szene geschafft, die Schule zu Ende gebracht und dann eine Ausbildung zur Fitnesstrainerin gemacht. „Wir haben das Stück geschrieben, weil wir den anderen zeigen wollen, wie sinnlos es ist, sich selbst oder sich gegenseitig umzubringen“, sagt Aylin. Viele geraten in einen Strudel aus Frust und Drogen und Sehnsucht nach dem schnellen Geld. „Was zählt, ist was für Klamotten du trägst. Und was du für ein Auto fährst“, sagt Aylin, „nicht, was du für ein Mensch bist.“ Schon die Zwölfjährigen wissen, was „Dolce & Gabbana“ und „Armani“ ist.

Musa hat eine ganz einfach Theorie: „Es gibt zwei Arten, Geld zu machen“, meint er. „Entweder du strengst dich an, bist gut in der Schule und studierst – oder du dealst mit Drogen.“ Der zweite Weg sei für viele türkische Jungs in Kreuzberg der einfachere. Wer den anderen Weg versuche, „wird ausgelacht“, sagt er.

„Die Welt ist schlecht,

Dope ist gut,

ein kleiner Joint

gibt wieder Mut“

Der 14-jährige Hakan Ince rappt die Zeilen auf der Bühne. Einen Joint, einen Döner, mehr erwarten viele in Kreuzberg nicht vom Tag, sagt er. Das Schlimme sei, dass man dann nicht mehr über den Tag hinausdenken, Schule, Zukunft, das interessiere nicht mehr. Viele gehen davon aus, dass sie sowieso keinen Job finden.

Was die Jugendlichen nur denken, formuliert die Integrationsbeauftragte des Bezirks, Doris Nahawandi, so: „Die dritte Generation der Türken in Kreuzberg, die 15-, 16-Jährigen sind eine verlorene Generation.“ Den Eltern fehle das Bewusstsein, dass Bildung wichtig ist. Viele Jugendliche hätten keinen Schulabschluss und keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Man könne nur noch versuchen, einzelne zu retten. Etwa, indem sie wie in der „Naunynritze“ in künstlerischen Projekten lernen, was in ihnen steckt.

„Warum hat der Staat das so weit kommen lassen?“, fragt Musa. „Wieso schreitet die Polizisten nicht ein? Wieso räumen die nicht auf mit den Dealern am Kotti und in der Hasenheide? Die stehen daneben und schauen zu, wie sich die Jugendlichen ihren Joint drehen.“ Und: „Warum wurden so viele Jugendclubs geschlossen?“, fragt Aylin.

Musa und Aylin und auch Regisseur Ayhan Sönmez sind sich einig: Die Eltern seien mit der Situation völlig überfordert. Die hätten ihre eigenen Probleme und keine Kraft, hinter den Kindern herzurennen, sagen sie. Der Regisseur ist selbst in den Straßen am Kotti aufgewachsen und hat oft mit den Jungs im Kiez und den Eltern gesprochen. „Die Eltern sagen sich, der hat gute Klamotten an, der kommt abends nach Hause, schläft, isst, irgendwie wird er schon durchkommen.“ Vielleicht fragten sie ihn am Anfang, woher das Geld für die Klamotten kommt und geben sich mit irgendeiner Antwort zufrieden. „Hauptsache, er lebt.“

Früher hätten die Imame, die muslimischen Geistlichen, von der Mevlana- Moschee in der Skalitzer Straße auf die türkischen Drogendealer Einfluss nehmen können, sagt Burhan Kesici von der Islamischen Föderation. „Die wussten, wer die Jungs sind. Die kannten die Eltern. Die Jugendlichen hatten Respekt.“ Heute seien doch viele Familien zerbrochen. Die Jungs hätten vor niemandem mehr Respekt. Nicht vor den Eltern, nicht vor der Polizei und nicht mal mehr vor dem Imam.

Musa geht aufs Gymnasium, er will Abitur machen und studieren. „Wir hängen sonst eh nur rum“, sagt Hakan Ince. Deshalb hat er sich fürs Schauspielern entschlossen. Er will Rapper werden. Und den Realschulabschluss will er wenigstens mal versuchen.

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