Wir müssen reden (29) : Als ich bei Oma um mein Leben putzte

Sind die Eltern deiner Freundin okay? Das fragte Elena Senft vorigen Freitag. Ric Graf erinnert sich leider viel zu gut und erzählt diese intime Anekdote nur ungern

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Putzteufel. Wer frech ist, muss der Mutter helfen.Foto: privat

Der Kaffee war frisch, der Kuchen duftete lecker, die weißen Tischdeckchen waren so sehr gebleicht, dass meine Augen schon schmerzten. Im Hintergrund lief Hansi Hinterseer. Kein Scherz.

Ich war 15 und das erste Mal bei meiner Freundin Caro zu Besuch. Das war noch eine richtige Bilderbuchfamilie: mit Vater, Mutter, Kindern, Hund und Großeltern. Alle unter einem Dach. Die Familie wohnte in einem grauen Klotz und wirkte darin sehr glücklich. In jedem Fall hatte die Caro nie für mich Zeit, weil die Familie immer etwas zusammen unternahm. Das sagte sie zumindest. Mir war die ganze Szenerie doch sehr fremd. Ich kannte dieses – nennen wir es mal – dichte Familienleben nur aus Filmschnulzen und bisher war ich auch ganz glücklich damit.

Meine Freundin war damals aufgeregter als ich. Sie hatte Angst, ich könnte irgendetwas falsch machen. Wir saßen also am Kaffeetisch und sie sagte mir mit ihrer piepsigen Stimme: „Rede am besten nicht viel!“ Das steigerte nicht gerade mein Selbstbewusstsein, noch hatte ich das Gefühl besonders geliebt zu werden. Egal, ich tat, wie es ihr gefiel.

Caros Familie war noch nicht vollzählig und so saßen wir mit Erna und Horst am übervollen Kaffeetisch mit gefälschtem Silberbesteck. Caro sagte beim Reinkommen: „Das ist Ric“ – „Und das ist meine Familie.“ Ich hörte Horst zu, der gebetsmühlenartig die Tabelle der Bundesliga aufsagte und andauernd kommentierte.

Irgendwann dachte ich, ich wäre in einer Geisterbahn. Erna fragte mich ständig, ob mir noch etwas fehlte und sagte dann immer: „Ihr müsst mir noch beim Frühjahrsputz helfen“. Irgendwann klinkte ich mich aus den Gesprächen aus und fragte Caro: „Wann kommen eigentlich deine Eltern?“ Caro trat mir unterm Tisch gegen das Schienenbein und zischte: „Das sind meine Eltern.“

Na, toll. Die Situation war, sagen wir, ziemlich verfahren und extrem peinlich. Die Mutter schwieg und drückte mir später die Putzutensilien in die Hand. Ich schrubbte um mein Leben. Als die Großeltern kamen, wusste ich, dass diese Familie zum schnellen Altern neigt und bin im Nachhinein froh, dass sie mich verlassen hat – lies das, Caro!

Elena, wärst du eine gute Mutter?

Nächsten Freitag antwortet wieder Elena Senft an dieser Stelle.

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