Wir müssen REDEN (41) : Trauer in Tirol

Welcher Abschied tat dir weh? Das fragte Ric Graf vorigen Freitag, heute antwortet ihm Elena Senft.

218863_0_e110f1c5
Abschied nehmen. Elena Senft schreibt im Wechsel mit Ric GrafFoto: privat

Der Abschied aus dem Sommerurlaub war schmerzhaft. So schmerzhaft, dass ich am letzten Abend sogar überlegt habe, ein wenig zu weinen.

Das ist schwer nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass ich zwei Wochen lang mit einem uncoolen Klassensprecherrucksack und fettigen Haaren schwitzend durch die Dolomiten gestapft bin und aussah wie ein Teilnehmer von „Teenager außer Kontrolle“. Dafür weiß ich jetzt, wie es sich anfühlt, körperlich wirklich etwas geschafft zu haben und so fertig zu sein, dass man es nicht mal mehr schafft, sein Glas Tiroler Gewürztraminer zu halten.

Während des Urlaubs hatte ich Geburtstag. Und auch wenn ich immer großspurig behaupte, dass mir Geburtstage nicht wichtig seien, habe ich penibel registriert, wer sich zu meinem Ehrentag meldet und wer nicht. Wie jedes Jahr hat auch Freundin L. angerufen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe.

Früher waren wir jeden Tag zusammen. Bis zum Abitur habe ich sie jeden Morgen zur Schule abgeholt. Ich habe jedes Wochenende bei ihr geschlafen, wir wurden nachts von der Polizei aufgegriffen, haben zusammen Ärger wegen Kiffens bekommen und haben einen Religionslehrer in den Wahnsinn getrieben. Als ich das erste Mal auf der Schultoilette geraucht habe, hat sie die Zigaretten organisiert. Als wir beim Schuleschwänzen erwischt wurden, hat sie behauptet, sie hätte mich überredet, damit ich nicht so viel Ärger mit meinen Eltern bekomme.

Dann hat es sich verlaufen. Ganz ohne offensichtlichen Abschied. Und ohne dass es einem richtig aufgefallen ist. Und erst wenn man anderen Leuten von früher erzählt, bemerkt man, dass dieser eine Name in fast jeder Geschichte auftaucht, dass er dann weniger wird und dass das so schade ist.

Man entwickelt sich halt anders, hat mit anderen Leuten zu tun, kriegt kein Treffen hin, freut sich, wenn man sich sieht, lässt es aber auf den Zufall ankommen. In Berlin läuft man nie jemandem zufällig über den Weg. Oder zumindest nur Leuten, denen man nicht über den Weg laufen möchte.

Auf einer Kuhweide erzählte ich meiner Reisebegleitung nach dem Geburtstagsanruf von der alten besten Freundin. „Du redest so viel von der, trefft euch doch einfach mal!“ hat sie gesagt. Stimmt. Laura, können wir uns nicht mal verabreden?

Ric, warst du ein braver Schüler?

Nächsten Freitag antwortet Ric Graf wieder an dieser Stelle.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben