Wir müssen REDEN (43) : Hyper, Hyper, Hypochonder

Was macht dir Angst? Das fragte Ric Graf vorigen Freitag. Heute antwortet wieder Elena Senft (leicht erkrankt) - und sie hat viel zu erzählen.

Elena am Schirm
Elena Senft ist Tagesspiegel-Kolumnistin und kompromisslose Jeansträgerin. -Foto: privat

Ein seit drei Tagen andauerndes Taubheitsgefühl in den Fingern der linken Hand macht mir Angst. Ich schätze, dass ich kurz vor einem Schlaganfall stehe. Ich traue mich nicht mehr, joggen zu gehen oder mich aufzuregen, bewege mich nur langsam und esse viel Blattgemüse, um mithilfe des darin enthaltenen Vitamins K mein trauriges Schicksal eventuell doch noch abwenden zu können.

Vielleicht übertreibe ich. So wie vor einem Monat, als ich mir sicher war, dass die Ursache meiner schmerzenden Füße nicht im Tragen eines Paares 10-Zentimeter-Absatzsandalen zu suchen war, sondern dass ich einen Morbus Köhler hätte. Zuvor hatte ich nicht einfach nur ein Trägheitsgefühl, sondern Angina pectoris.

Ich weiß, dass ich an meiner übertriebenen Krankheitsangst selbst schuld bin, denn bei jeder kleinsten körperlichen Unregelmäßigkeit tue ich das, was man auf gar keinen Fall tun darf: Ich suche meine möglichen Krankheiten im Internet. Und jeder, der das schon mal getan hat, weiß, dass dabei fast immer herauskommt, dass man bald sterben muss und dass es an ein medizinisches Wunder grenzt, dass man überhaupt noch in der Lage ist, seine Symptome in die Tastatur zu tippen. Man darf keine Krankheiten googeln!

Es gibt lebensbejahendere Hobbys als ein Hypochonderdasein. Man steht unter ständiger Beobachtung durch sich selbst. Mir entgeht nichts. Ich merke alles. Und wenn irgendwann mal der wirkliche Hammer kommt, bin ich wenigstens vorbereitet. Ich hab’s schließlich vorher gewusst!

Aber es hat auch gute Seiten: Ich darf mich oft über gute Nachrichten freuen, denn das Gefühl, beim Arzt zu sitzen und zu hören, dass man nur Sodbrennen und wider Erwarten doch keinen Magenkrebs hat, ist einfach toll. Man fühlt sich ständig wie neu geboren. Und man hat für alles die passende Ausrede. Auch für das abrupte Beenden von Texten. Eine plötzliche innere Unruhe. Wahrscheinlich meine Hyperthyreose.

Ric, was suchst du denn so im Internet?

Nächsten Freitag antwortet Ric Graf.

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