Wir müssen REDEN (68) : Ich will mit dir spielen

Wie lautete dein erstes Gedicht? Das fragte Elena Senft vorigen Freitag. Ric Graf hat sein (überschaubares) Poesiealbum vom Dachboden geholt und antwortet ihr heute.

Ric
Schnappschuss. Ric hat im Fotoarchiv gekramt. -Foto: privat

Mein erstes Gedicht? Also gut. Ich habe mal in mein kurzzeitig benutztes Poesiealbum geschaut. Es hatte genau drei Einträge: Einen von meiner Klassenlehrerin der ersten Klasse, die meine Rechtschreibung lobte, einen von meiner Cousine, die mit mir baden gehen wollte, und einen von Marlen, meiner Kindergartenliebe. Sie schrieb: „ Ich will mit dir spielen.“

Das hat mich verrückt gemacht, damals. Und ich wusste nicht, was ich ihr ins Poesiealbum zurückschreiben soll. Spielplätze mit Rutschen, Schaukeln und Wippen waren aufregend, aber mit Mädchen spielen? Nein. Also schrieb ich nichts.

Ich fand sie großartig - sie mich nicht

Aber das änderte sich. Mit 15 hatte ich meine erste, richtige Liebe. Und ich schrieb ihr einen Brief, der nie beantwortet wurde. Der Brief war genau zwei Sätze lang: „Willst du mit mir gehen? Ich mit dir: ja“ Es gab nie eine Antwort. Dieses Mädchen fand ich großartig und ich ließ nicht locker: „Es ist / was es ist / sagt die Liebe“.

Das war das einzige Gedicht, das ich kannte, ich zitierte Erich Fried. Ohne Erfolg. Sie hat mich nie beachtet. Und ich habe sie vergessen. Nur Erich Fried nicht, seine Zeilen haben Bestand, bis heute.

Ich schreibe keine Gedichte. Ich würde es gerne können, aber jedes Gefühl, das ich gespürt habe, hat mich so sehr erstaunt, dass ich es nur schwer in eine oder viele Zeilen packen könnte.

Geht es um Liebe, fehlen mir die Worte

Poesie ist etwas für einsame Momente. Wenn ich verliebt bin, versuche ich alles – nur fehlen mir die Worte für Gedichte. Im Moment bin ich verliebt, und wenn du es lesen solltest, dann freue ich mich.

Meine Freundin Sanna hat gerade das Gegenteil erlebt: Ihre Affäre war unehrlich, er hat seine Frau verschwiegen und Sanna bekam eine Mail von seiner Angetrauten: „Du kriegst auf die Fresse!“ Das schockt – besonders wenn so etwas vom Account des Typen kommt.

Als Sanna merkte, dass ihr Flirt eine Freundin hat, und als ich erlebte, dass mir mal per SMS klargemacht wurde, dass Schluss ist, verstand ich: Worte sind hart, wenn es um Liebe geht. Außer: „Ich liebe dich!“. Das Gegenteil von Liebe kann man beschreiben. Aber die Großartigkeit von Liebe ist ohne Worte. Ich schweige lieber. Poesiealben gibt es nicht mehr in meinem Leben, und Liebesbriefe sind für mich unfassbar schwer. Ich küsse lieber.

Mehr kann ich nicht erklären.

Meine Frage an dich: Elena, was hat dich verletzt?

In zwei Wochen, am 6. Februar 2009, antwortet wieder Elena Senft an dieser Stelle.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben