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Wir müssen REDEN : Schlechter Empfang

16.07.2009 00:00 Uhr

Hast du mal was Wichtiges verloren? Das fragte Ric Graf vorige Woche. Elena Senft antwortet ihm heute.

Meine Anwesenheit in einem winzigen italienischen Dorf hat mir schmerzlich vor Augen geführt, dass mitnichten ganz Europa vernetzt und digitalisiert ist. Ich bin im Urlaub. Und ich wollte diese Kolumne von Italien aus schreiben und der Seite so einen mediterranen Anstrich verpassen. Ein Textchen, so leicht wie ein italienischer Sommer, über den Italiener und seine Eigenarten. Das Textchen würde ich in einem Internetcafé verfassen.

Als ich dieses Vorhaben laut vor Einheimischen äußerte, rümpfte einer kopfschüttelnd die Nase, ein anderer wieherte laut. Es gibt hier kein Internetcafé. Dann fiel der Dorfgastronomin ein, dass doch der Dorfarzt einen Computer habe.

Eine Menschentraube flankierte mich bis zum Haus des Arztes. Der stolze Computerbesitzer öffnete die Tür und führte mich zu einem blassgrauen, schnaufenden Gerät. Der Monitor hatte einen Wackelkontakt, dem der Arzt mit Faustschlägen beizukommen versuchte. Eine Internetverbindung konnte nicht hergestellt werden, obwohl ein Kfz-Meister gerufen wurde, der mit einem Schraubenzieher am Modem nestelte. Schließlich kolportierten zwei Dorfbewohner, es gäbe in einem Nachbardorf einen Friseursalon mit Internetzugang. Nach zwei Stunden wilden Mäanderns durch Wälder und Dorfstraßen, werde ich mein restliches Leben lang Olivenhaine nicht mehr romantisch finden, sondern höhnisch und böse.

Als ich aus den Olivenhainen wieder auftauchte, hatte mir der Dorfmechaniker ein Auto organisiert, um eine größere Stadt aufzusuchen. Es ist ein schwarzer Fiat Uno, wenn man fährt, muss man mit einer Hand das Armaturenbrett festhalten und mit der anderen lenken. Die Tankanzeige ist kaputt. Ich habe kein Geld dabei. Nun sitze ich in einem Zeitungsladen an einem Computer. Hinter mir eine Menschenschlange. Ich kann ansteigendes italienisches Unmutsgemurmel hören, ich blockiere die Leitung. Ich muss aufhören. Das Fotomotiv über dem Text wird voller Willkür sein. Es wird die einzige Stelle sein, an der ich den Netzempfang haben werde, um eine MMS zu verschicken. Ach ja, meine Antwort auf die Frage: Nein, ich habe noch nie etwas Wichtiges verloren. Auf dem Rückweg, der gleich kommt, werden es vielleicht meine Nerven sein.

Ric, hattest du mal falsche Hoffnungen?

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