Werbinich : „Wir sind doch noch Kinder“

Pharrell Williams, der erfolgreiche Pop-Produzent, über perfektes Timing in der Musik – und der Liebe

-

Herr Williams, wie produziert man eigentlich einen Hit?

Keine Ahnung!

Haha! Kaum jemand hatte in den letzten Jahren mehr Hits in der Hitparade als Sie.

Wenn ich ins Studio gehe, denke ich nicht darüber nach, ob ein Lied ein Hit wird. Ich bin verrückt nach Musik. Aber es gibt natürlich einen Unterschied, ob ich mit meiner Band N.E.R.D. oder mit Britney Spears ins Studio gehe. Man kann meine Arbeit ganz gut mit der eines Juweliers vergleichen, der jeden Tag seinen schönsten Schmuck ins Schaufenster legt. Trotzdem behält er die besten Diamanten zurück und schenkt sie seiner Geliebten. So ist das bei mir auch. Ich veröffentliche zwar keinen Schrott, aber die Diamanten bleiben bei mir.

Gibt es ein Geheimrezept für Ihre Hits?

Haben Sie schon einmal überlegt, warum man manche Lieder mag und andere nicht? Es liegt am Timing! Bei den meisten Liedern dauern die einzelnen Teile einfach zu lange. Sie als Hörer werden den Song vielleicht mögen, sind aber nicht verrückt danach. Worin besteht der Unterschied?

Ein Beispiel für gutes Timing, bitte.

„Billy Jean“ von Michael Jackson. Es gibt diese eine Stelle, bei der einfach jeder mitsingt. Deine Freundin kocht vielleicht Essen, aber wenn Michael „But the kid is not my son“ singt, wird sie den Kochlöffel als Mikrofon benutzen und laut mitsingen. An der Stelle ist das Timing perfekt. Es gibt nur wenige Musiker, die ein Gespür dafür haben. Als ich 1991 zum ersten Mal „Bonita Applebum“ von „A Tribe Called Quest“ gehört habe, ist mir sofort das perfekte Timing aufgefallen. Ein absolut perfekter Song!

Wenn man MTV anschaltet, kommt es einem so vor, als ob Sie in jedem dritten Video zu sehen sind. Es befindet sich eigentlich immer eine ihrer Produktionen in den Charts. Wie schaffen Sie das, so viele Hits gleichzeitig zu schreiben?

Das habe ich mir antrainiert. Wenn ich das Angebot habe, für die Rolling Stones, Janet Jackson, Sade, Jay-Z und P. Diddy zu arbeiten und alles innerhalb von zwei Wochen fertig sein soll, denke ich mir einfach: Junge, das musst du schaffen. Mir geht es gut, obwohl ich gerne mal wieder ein richtiges Zuhause hätte.

Wo wohnen Sie?

Ich bin seit ein paar Jahren pausenlos unterwegs. Seit mein Partner Chad Hugo seinen Sohn Chase bekommen hat, muss er natürlich zu Hause bei seiner Familie bleiben. Ich muss dann um die Welt reisen, Interviews und Konzerte geben.

Klingt doch aufregend.

Ist es auch, nur war das nie mein Ziel. Nehmen Sie das nicht persönlich, aber ich würde lieber in meinem Hotelzimmer Klavier spielen, als mit Ihnen reden.

Hm.

Ich bin ein Junkie! Ich muss Musik machen. Wenn ich in den USA alleine auf Tour bin, fahre ich nur noch mit meinem eigenen Bus, weil ich mir dort ein Studio eingebaut habe. Dann fahre ich durch die Nacht und versende per Mail neue Ideen an Chad, der zu Hause daran weiterarbeitet und mir seine Ideen zurückschickt.

Sie sind gerade 30 geworden. Beschreiben Sie uns doch mal Ihr bisheriges Leben.

In den ersten 10 Jahren meines Lebens hat sich bei mir alles um Hot Dogs mit Pommes gedreht. Jeden Freitagabend und Samstagmorgen gab es Cartoons im Fernsehen. In meinen 20ern bestand mein Leben aus Skateboardfahren und Musik. Daran hat sich bis heute nichts geändert, mit dem Unterschied, dass ich das Gefühl habe, bald das richtige Mädchen zu treffen.

Bald?

Wenn ich das richtige Mädchen gefunden habe, stelle ich mir vor, bin ich das Schlagzeug, sie ist das Piano, und gemeinsam schreiben wir unsere eigenen Kinderlieder.

Es heißt über Sie merkwürdigerweise, Sie mögen einerseits keine One-Night- Stands, haben aber in jeder Stadt eine feste Freundin.

Absurd! Rechnen Sie mal nach, mit wie vielen Mädchen ich pro Woche telefonieren müsste, wenn ich alleine in den größten Städten der Welt eine Freundin hätte. In den USA gibt es vielleicht fünf oder sechs große Städte. Bei fünf Kontinenten macht das 30 Mädchen, um die ich mich regelmäßig kümmern müsste. Das soll wohl ein Scherz sein.

Okay …

… also gut. Ich habe im Moment zwei, manchmal auch drei feste Freundinnen, mit denen ich mich treffe, wenn ich in der jeweiligen Stadt bin. Ich finde One-Night-Stands nicht wirklich gut, aber ich sage nicht, dass ich keine habe. Ich bin ganz ehrlich.

Sind Sie jemand, der Mädchen Kassetten aufnimmt?

Unbedingt! Musik ist die romantischste Sprache der Welt.

Können Sie drei Lieder für eine solche Kassette nennen?

Also gut, aber ich muss weiter ausholen. Zuerst holst du das Mädchen zu Hause ab und fährst mit ihr an den Stadtrand zum Picknicken. Der Klassiker! Beim ersten Date bloß keine Experimente machen. Du hast also schon einmal die perfekte Umgebung geschaffen. Dann wartest du auf den richtigen Augenblick. Mädchen sind da wie Musik. Es ist alles eine Frage des perfekten Timings. Du legst unauffällig die Kassette ein. „Fantasy“ von „Earth, Wind & Fire“. Ich bekomme allein beim Gedanken daran eine Gänsehaut. Ich meine, der Song läuft, während du kleine Eichhörnchen mit Kartoffelchips fütterst. Was soll da noch schief gehen? Danach kommt „Bonita Applebum“. Wenn das Mädchen sich nicht nach der Hälfte des Songs ausgezogen hat, läuft irgendwas falsch! Glauben Sie mir, ich habe das mit eigenen Augen gesehen! Zum krönenden Abschluss: „My Cherie Amour“ von Stevie Wonder.

Sie haben in diesem Jahr zusammen mit Chad Hugo einen Grammy in der Kategorie „Bester Produzent“ erhalten.

Das ist größer als nur ein Traum. Irgendwie irreal! Ich sehe mich heute auch nicht als jemanden, der einen Grammy gewonnen hat. Ich will auch den Namen „The Neptunes“ aufgeben. Der Name wurde einfach nur noch benutzt, um mehr Platten zu verkaufen. Er wurde fast schon missbraucht. Wenn wir einen Künstler produziert haben, stand doppelt so groß über seinem Namen: „Neue Single der Neptunes!“ Was für eine Scheiße ist das denn bitte schön?

Die Regeln der Musikbranche?

Aber das haben sie bei Quincy Jones …

... dem Entdecker und Produzenten von Michael Jackson ...

... doch auch nicht gesagt. Deswegen ist er auch zur Legende geworden. Er war immer in der Lage, Neues zu schaffen. Quincy konnte in den USA große Künstler produzieren und eine Woche später nach Europa gehen, um ein Jazzalbum aufzunehmen. Zum Glück habe ich auch schon mit vielen unterschiedlichen Musikern zusammengearbeitet wie No Doubt, Limp Bizkit, Beyoncé oder Prince.

Es heißt, Sie werden das erste Solo-Album von Gwen Stefani, der Frontfrau der Band „No Doubt“ produzieren?

Ich kann Ihnen das offiziell nicht bestätigen. Denken Sie einfach an Ihre Frage mit der Freundin in jeder Stadt.

Wollen Sie mit uns Versteck spielen?

Nein. Aber es geht nicht um Ruhm und Ehre. Wen es wirklich interessiert, der muss einfach ins Booklet der CD schauen und nachlesen.

Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie zum ersten Mal einen Ihrer Songs im Radio gehört haben?

Das vergisst wohl kein Musiker auf der Welt. Chad und ich sind irgendwann mit dem Auto durch unsere Heimatstadt Virginia gefahren und der Song lief im Radio. Wir standen an der Ampel und im Auto neben uns lief der Song auch. Groß.

Was denken Sie heute, wenn mal wieder ein neues Video mit Ihnen auf MTV läuft?

Als die Single „Milkshake“ von Kelis herauskam, war ich genauso aufgeregt wie damals. Das wird sich nie ändern.

Sie haben die Sängerin Kelis zum Weltstar gemacht. Es gibt das Gerücht, dass Kelis sie verlassen wird. Angeblich reden sie sogar nicht mehr miteinander.

Wir wollen keine Schlammschlachten austragen. Wir sind friedliche Menschen. Wir haben viele Fehler gemacht, aber Sie müssen bedenken, dass wir auch noch Kinder sind! Ich meine, wir verdienen jedes Jahr etliche Millionen, gehen aber abends raus auf die Straße und fahren zusammen Skateboard. Ich komme aus Virginia. Ich bin ein einfacher Junge. Vielleicht liebe ich die Musik zu sehr und achte zu wenig auf mein Umfeld.

Sie haben trotz des Ärgers mit Kelis ihre Hitsingle „Milkshake“ produziert. Wieso?

Ich liebe Musik so sehr, dass ich alles andere ausblende. Und ich habe ihr trotz all der Probleme einen Welthit geschrieben. Dieser Song konnte nur von Kelis so gesungen werden. Manchmal ist eben das Nest, in dem man aufgewachsen ist, zu klein geworden. Dann sollte man die Flügel ausbreiten, wegfliegen und sich ein eigenes Nest bauen.

Das klingt ziemlich nach Abschied. Gibt es jemanden, den Sie in solchen Situationen um Rat fragen?

Äh, ich telefoniere regelmäßig mit Quincy Jones. Vielleicht alle sieben, acht Wochen. Er weiß, wie es sich anfühlt, als Produzent im Rampenlicht zu stehen. Von ihm nehme ich Ratschläge an.

Wen würden Sie gerne noch produzieren?

Phil Collins. Die Legende.

Sie werden also ernsthaft mit Phil Collins ins Studio gehen?

Sehen Sie! So entstehen Gerüchte. Es ist zum verrückt werden.

Ja oder Nein?

Schreiben Sie doch was Sie wollen!

Das Interview führte Lars-Erik Amend

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben