Werbinich : Wir sind keine Truthähne

WISSENSCHAFTSSALON  Selbst denken tut gut: Gerd Gigerenzer stellt im Verlagshaus seinen Bestseller „Risiko“ vor und lobt die Faustregel.

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„Sie haben keine Wahl“, schreibt Gerd Gigerenzer: „Sie müssen selbst denken.“ Auf Experten mit ihren Zahlen und Prozenten ist nicht unbedingt Verlass, sei es in Gesundheits-, Finanz- oder anderen Dingen. Also bleibt dem Einzelnen nichts anderes übrig, als seine eigenen Denkwerkzeuge zu schärfen und ernst zu nehmen, was schon Immanuel Kant vor über zweihundert Jahren schrieb: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Gerd Gigerenzer, Psychologe und Chef des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, sieht sich in genau dieser aufklärerischen Tradition. Und weil Selbstdenken großen Spaß macht, ist ihm ein äußerst fesselndes Wissenschaftsbuch gelungen. Seinen Bestseller „Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ (C. Bertelsmann) liest man mit beinahe atemloser Spannung, so viele verblüffende Beispiele enthält das Buch und so glasklar formuliert der Autor sein Anliegen. Das da lautet: Wir alle müssen „risikokompetent“ werden, wenn wir mit unserer Gesundheit, unserem Leben und Geld vernünftig umgehen wollen.

Dazu gehört, nicht jede Panik mitzumachen, die sich hinterher als unbegründet erweist, etwa die Hysterie um die Schweinegrippe. Aber man sollte auch nicht annehmen, alles, was bisher gut gelaufen ist, werde so weitergehen. Das wäre die „Truthahn-Illusion“: Der nämlich glaubt, sein Besitzer werde ihn immer weiter füttern. Bis zum Thanksgiving-Tag!

Gerade in Gesundheitsfragen zeigt sich, wie wichtig die Fähigkeit ist, Risiken einzuschätzen. In den Vereinigten Staaten etwa liegt die Überlebensrate von Männern mit Prostatakrebs bei 82 Prozent, in England nur bei 44 Prozent. Ein Grund für einen Erkrankten, in die USA auszuwandern? Nicht wirklich, denn die Sterberate, also der Prozentsatz von Männern, die an Prostatakrebs sterben, liegt in beiden Ländern etwa gleichauf. Wie passt das zusammen? Auflösung des Rätsels: In den USA nehmen mehr Männer die Prostatakrebs-Früherkennung wahr. Bei ihnen wird der Krebs schlicht früher diagnostiziert. Sie leben nach ihrer Diagnose daher länger als die Engländer, sterben aber im selben Alter am Krebs. Viel häufiger als die Engländer jedoch unterziehen sie sich unnötigen Operationen an der Prostata.

Viele Ärzte, das hat Gigerenzer immer wieder festgestellt, sind nicht darin geschult, Risiken und Nutzen etwa einer Operation einzuschätzen und sie ihren Patienten verständlich darzustellen. Dabei muss Risikokompetenz gar nicht kompliziert sein. Eine erstaunliche Erkenntnis in Gigerenzers Buch lautet nämlich: Gerade in einer komplexen Welt fährt man oft mit einfachen Faustregeln am besten. Wieso das so ist, das wird Gerd Gigerenzer im Wissenschaftssalon mit Hartmut Wewetzer, dem Leiter des Wissenschaftsressorts, diskutieren.Dorothee Nolte

Wissenschaftssalon mit Professor Gerd Gigerenzer, Montag, 3. Juni, Beginn 19 Uhr, Eintritt inklusive Sekt und Snack 14 Euro. Moderation: Dr. Hartmut Wewetzer. Anmeldung und Informationen siehe Infokasten.

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