Werbinich : Wireless WAHN

Ins Café geht man, um unter interessanten Menschen alleine zu sein. Bis vor kurzem jedenfalls

Minka Wolters

Endlich frei, die Sonne scheint, und überall lächeln sich Menschen zu. Endlich Zeit für ein ausgedehntes Frühstück im Lieblingscafé. Die letzte Hausarbeit ist fertig geschrieben, der Job kann warten: Es könnte alles so herrlich sein. Doch im Café ein seltsames Bild. Was ist das? Auf beinahe jedem Tisch steht ein Laptop. Die werden natürlich auch bedient – von nett aussehenden jungen Menschen. Warum machen die das? Warum essen und trinken die nicht einfach? Oder lesen ein bisschen in den ausgelegten „Lesezirkel“-Heften? Oder meditieren still über ihrem Milchkaffee?

Ins Café ging man schließlich bisher, wenn man allein sein wollte, aber dazu Gesellschaft brauchte, wie der österreichische Autor Alfred Polgar die früher einmal typische Atmosphäre messerscharf beschrieb. Und weiter: „Das Kaffeehaus ist der traute Herd derer, denen der traute Herd ein Gräuel ist.“ Nett, der Mann hat wahrscheinlich noch mit einer kabellosen Schreibmaschine gearbeitet.

Der Code, mit dem man das neue Laptop-Café-Phänomen knacken kann, lautet etwas kryptisch WLAN, ausgeschrieben Wireless-LAN. Der Code bezeichnet ein drahtloses, lokales Funknetzwerk. Bedeutet also, das auch der Wirt unseres Vertrauens, sprich der Lieblings-Café-Inhaber, irgendein Strahlengerät aufgestellt haben muss. Oft hängen die Sender einfach an der Wand mitten im Laden, in Form einer ganz harmlos aussehenden kleinen weißen Platte. Sonst würde das mit dem Surfen und Mailen weit weg von zu Hause und ohne Funkkarte nicht funktionieren.

Augenblicklich existieren rund 7000 kabellose Internetzugangspunkte in Deutschland, mehr als 600 in Berlin, und fast täglich werden es mehr. Eine besondere Gesundheitsgefährdung besteht angeblich nicht. Obwohl die doch nur schädlich sein können, diese komischen unsichtbaren Wellen in der Luft, oder nicht? Wer nahezu rund um die Uhr ein Handy am Ohr kleben hat (und das betrifft knapp 95 Prozent der Berliner unter 50), darf sich über WLAN-Benutzer – zumindest, was die Strahlkraft betrifft – eigentlich nicht aufregen. Denn die Funkfrequenzen dieser Geräte liegen um 2,4 Gigahertz, das entspricht etwa der Wellenlänge von Mobiltelefonen. Dabei entspricht ein Gigahertz genau 1000 Megahertz. Ein Hertz ist die Einheit der Frequenz und definiert eine Schwingung pro Sekunde.

Dabei hat alles doch so friedlich angefangen. Als man in Berlin Kaffee um 1680 als exotisch schmeckendes, stimulierendes Heißgetränk entdeckte, blieb der Kaffeegenuss zunächst ausschließlich auf die höfische Gesellschaft beschränkt. Obwohl Friedrich der Große den Kaffeekonsum seiner Untertanen stark einschränken wollte, setzte sich der Kaffeekult durch. Die ersten öffentlichen Kaffeehäuser in Deutschland glichen eher Spielhäusern. Doch schnell wurden die Häuser zum Treffpunkt von Künstlern und Literaten. Später wurden im Kaffeehaus Geschäfte abgewickelt und Zeitungen sowohl gelesen als auch redigiert, im Café beginnen nach wie vor leidenschaftliche Liebesbeziehungen, und manchmal enden sie auch dort. Der berühmte Reporter Egon Erwin Kisch schrieb: „Das Kaffeehaus erspart uns sozusagen eine Wohnung, die man nicht unbedingt haben muss, wenn man das Kaffeehaus hat.“ In Kaffeehäuser ging man eben, um mit interessanten Menschen zusammen zu sein – oder um unter interessanten Menschen alleine zu sein. Das war schon immer so. Na ja, bis vor kurzem zumindest.

Heute wird offenbar lieber gehackt und getippt als philosophiert, und das sieht automatisch nach schwerer Arbeit aus. Davon geht der Nichteingeweihte – und der vom schlechtem Gewissen ob der eigenen Faulheit gebeutelte – Beobachter nämlich aus: dass da am Nebentisch schwer geschuftet wird. Dem jedoch ist in den allermeisten Fällen eindeutig nicht so. Stattdessen soll, indem man auswärts größere Internetrecherchen betreibt oder gleich die neuesten „Desperate Housewives“-Folgen herunterlädt, die heimische Telefonrechnung auf ein Minimum reduziert werden.

Emma, 19, kommt aus Schweden und studiert gerade an der Humboldt-Uni. Sie sagt: „Ich habe gar keinen Festnetzanschluss zu Hause und kann meinen Computer nicht ans Internet anschließen.“ Deshalb geht sie dafür entweder in die Uni oder eben in ein Café in der Nähe ihrer Wohnung am Prenzlauer Berg, zum Beispiel ins „Fellas“ an der Stargarder Straße. Dort erledigt sie ihre gesamte E-Mail-Korrespondenz. Kommuniziert wird also trotzdem – nur nicht mit den anderen Café-Bewohnern, sondern mit den Freunden in Schweden. In diesem Szenario besteht durchaus die Möglichkeit, dass ein liebenswerter Mensch beim Milchkaffee online Single-Börsen durchstöbert, während zwei Tische weiter ein genauso netter Mensch sitzt, der sich vielleicht gerne mit ihm verabredet hätte. Doch dazu wird es nicht kommen, der stolze Notebook-Besitzer hat nämlich gar keinen Blick für die Menschen, die ihn umgeben. Den Bildschirm behält er ununterbrochen im Auge.

Auffällig ist auch: Hotspot-Nutzer sind tag- und nachtaktiv. Man kann sie von frühmorgens bis tief in die Nacht an ihren Laptops beobachten. „Ich versteigere gerade mehrere Schuhe bei Ebay und will natürlich oft nachsehen, wie hoch die Gebote liegen“, erzählt der 22-jährige Jan, der es sich mit Laptop und Apfelschorle im „Strandbad Mitte“ bequem gemacht hat. Genauso wichtig ist die Abendplanung, doch ohne Blick in den virtuellen Veranstaltungskalender läuft bei ihm nichts mehr.

Selbstverständlich gibt es auch Ausnahmen von der Nur-Surf-Regel. Das sind die Hardcore-Fleißbienen, die noch vor Arbeitsbeginn, in der Mittagspause oder nach Feierabend ihr mobiles Büro in Form ihres Macs mit ins Café nehmen, um supergeschäftig weiterzuarbeiten. So wie Thorsten, 19, aus Kreuzberg, der in der „Morena Bar“ am Tisch sitzt. „Ich mache gerade eine Ausbildung zum Mediengestalter und habe viel zu tun“, sagt er. „Manches muss ich eben noch abends erledigen. Und das macht mehr Spaß in einer Kneipe. Da bin ich wenigstens unter Leuten.“ Ein Phänomen, das man sonst nur aus Seifenopern kennt: Im Vorabendprogramm treffen sich gut aussehende, junge Angestellte ebenfalls ausschließlich in Cafés, um zu arbeiten. Oder ist WLAN-Benutzung einfach nur die logische Konsequenz aus den Mitte-Fensterfronten-Erdgeschoss-Büros? Beim Arbeiten beobachtet zu werden, ist möglicherweise in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit zu einem Fetisch geworden.

Das Problem ist nur: Die atmosphärische Störung könnte leider nicht schlimmer sein. Computerbildschirme verbreiten in lichtgedämpften Cafés dieses grellblaue Licht bis an den Nachbartisch. Manchmal machen sie sogar Geräusche: schrille Computer-Warntöne statt leiser Loungemusik, Großraumbüro-Stimmung statt dezenter Entspannung. Vielleicht bringen die Freunde des WLAN bald ihre mobilen Drucker mit, das wäre sicher praktisch.

Der Stolz auf die neueste Errungenschaft lässt Café-Betreiber oft ein Schild im Außenbereich anbringen. Mit großen Lettern wird auf dem bekannt gegeben, dass von nun an auch in dem betreffenden Etablissement kabelfrei im Internet gesurft werden kann. Für Eingeweihte: Jetzt hat man es auch hier mit einem Hot Spot zu tun. Zahlen muss man in der Regel für diesen Service so ein bis zwei Euro pro Stunde. Doch es gibt natürlich auch Cafés, die WLAN kostenlos anbieten. In diesen Gaststätten wird der Gast eher dezent auf der Speisekarte oder durch ein visitenkartengroßes Schildchen, das an der Eingangstür klebt, auf den besonderen Service hingewiesen. Hier ist die Gefahr umso größer, dass der Laptopbenutzer einen Espresso bestellt und dann „Krieg und Frieden“ in der Online-Version liest. Doch viele Wirte glauben eher, dass so neue Kunden gewonnen werden und der Umsatz gesteigert wird. Erstaunlich!

Sehr beängstigend – zumindest für WLAN-Nutzer – sind die neuesten Entwicklungen in den USA. Dort gelten Hot Spots bereits als ein Phänomen des vergangenen Jahrhunderts. Café-Besitzer in Seattle oder im kalifornischen Berkeley klagten neulich im „Spiegel“ über den „Zombie-Effekt“. Dumpf starrten Besucher auf den Bildschirm vor sich und verbrächten ganze Tage im Internet, jammerten sie.

Amerikanische Coffeeshop-Besitzer gehen inzwischen so weit, zeitweise das komplette Netzwerk abzuschalten oder laptopfreie Zonen einzurichten. Sie haben verstanden.

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