Woran Jugendliche : Opium fürs Volk

Was Max bei seinem Highschool-Jahr in den USA erlebte, ließ ihn fast vom Glauben abfallen.

Max Deibert
Max möchte keine Ähre auf dem Feld Gottes sein.
Max möchte keine Ähre auf dem Feld Gottes sein.Foto: privat

Bei uns zu Hause pflegen wir einen gemäßigten Protestantismus, den ich als Erhalt von Tradition betrachte, weniger als praktizierten Glauben. Umso mehr überraschten mich die Zustände an der erzkatholischen Schule, die ich während meines Highschool-Jahres in den USA besuchte.
Es gab strenge Vorschriften: Meine Haare durften weder den Kragen noch die Augenbrauen noch die Ohren berühren. Das Hemd mit dem Schullogo musste stets in die khaki-farbenen Hosen gesteckt werden, was mich wie eine nerdige Version von Aladin aussehen ließ. Gebetet wurde jeden Tag vor Schulbeginn und nach Ende der letzten Stunde. Der Priester der Schule verkündete uns mit leuchtenden Augen, dass wir Ähren seien, die auf den Feldern Gottes wachsen. Was mit uns geschieht, wenn die Ernte kommt, hat er uns nicht gesagt. Für ihn galt die Kleiderordnung nicht: Ich kannte ihn nur in einem schlabbrigen Jogginganzug, den man bei Festen hin und wieder unter der strahlend weißen Soutane heraushängen sah. Während der Gottesdienste versuchte ich mich innerlich vom Geschehen zu distanzieren und betrachtete die verzauberten Gesichter meiner Mitschüler.

Es fiel mir schwer, die Distanz aufrechtzuerhalten, als im Karfreitagsgottesdienst dröhnende Schmerzensschreie aus den um uns herum postierten Lautsprechern erklangen, unterlegt vom Geräusch von durch Fleisch geschlagener Nägel.
Vieles, das während der Messen passierte, beeindruckte als Show, aber mir kamen die Plastikblumen und das Leuchtschaf auf dem Altar wie die Kulisse eines Bollywood-Pornos vor. Den Religionsunterricht empfand ich als Farce: An den Wänden hingen Poster von hungernden afrikanischen Kindern und darunter stand der Schriftzug „Faith“ (Glaube). Kritische Fragen von meiner Seite wurden belächelt, ignoriert oder niedergestarrt. Die Lehrerin spielte uns Youtube-Videos vor, in denen Rapper, die sonst thematisch eher auf die Entjungferung von Zwölfjährigen festgelegt sind, darüber sangen, was für eine coole Sau die Jungfrau Maria doch sei. Ihre peinlichen Anstrengungen, die Jesus zum größten Stecher auf der ganzen Welt erheben sollten, beeindruckten mich kein bisschen. Vielleicht ist mein Herz nicht rein genug.

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