World Wide WEG : ich@vancouver

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Spaß auf der Piste. Nach dem Unterricht geht es in die Berge, in voller Montur.Foto: privat

Von: Jacqueline Möller

An: werbinich@tagesspiegel.de

Betreff: Meine Olympiade

Den Beginn der olympischen Winterspiele hatte ich mir in meinem Kalender rot angestrichen. Zwei Wochen vorher fing ich mit dem Countdown an. Ich war gespannt. Denn wenn man der Mehrheit meiner kanadischen Freunden Glauben schenken durfte, würde der Wahnsinn ausbrechen. So kam es auch.

Olympia – allein schon das Wort löste hier im Vorfeld bei jedem eine Fülle von Emotionen aus. Freude, Verärgerung, aber auch Angst. Wird es eine Invasion geben? Wird das öffentliche Leben zum Erliegen kommen? Werden Straßensperrungen, Ampelausfälle und allgemeines Verkehrschaos jeden Versuch, das Haus zu verlassen, unmöglich machen? Ausgerechnet im Bus bekam ich eine Antwort auf all diese Fragen. Eine junge Frau saß neben mir und unterhielt sich mit jemandem am Telefon. Weghören unmöglich. „Wie entkommst du dem ganzen Trubel?“, fragte sie. Der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung schien die Möglichkeit der Flucht in Betracht zu ziehen. Zumindest schloss ich das aus den Antworten der jungen Frau. Irgendwann sagte sie: „Verreisen? Eine fantastische Idee!“

Abhauen habe ich als Option für mich ausgeschlossen. Mich hält die jugendliche Neugier. So ein Ereignis erlebt man schließlich nicht alle Tage. Dazu kommt, dass ich seit meiner Ankunft hier keine Gelegenheit ausgelassen habe, Land und Leute kennenzulernen. Die kulturellen Eigenheiten zu erkunden. Klischees auf ihren Realitätsgehalt abzuklopfen. Kanadier und Wintersport: Das ist eines dieser Klischees. Und ich muss sagen, es stimmt. Ski- und Snowboardfahren sind für die Einheimischen das, was für die Deutschen Kegeln und Skat sind.

Meine Schule unterstützt die allgemeine Begeisterung. Mit einem Skiclub, der jedes zweite Wochenende in die Berge fährt, gelegentlich auch mehrtägige Skitouren organisiert. Bei diesen Ausfahrten geht es von morgens bis abends die Pisten der kanadischen Winterresorts rauf und runter. Man will hier den Olympiateilnehmern in nichts nachstehen. Bei einer dieser Touren stehe ich zum ersten Mal auf dem Snowboard.

Allerdings sind diese Tage gezählt. Bald wird auch auf den höchsten Ebenen der Schnee geschmolzen sein. Und dann wird meine High School andere Angebote parat haben. Bereits jetzt liegen dicke Ordner aus, die über die Aktivitäten in den verschiedenen Sportclubs informieren. Die Seiten zeigen strahlende Gesichter und fröhliche Menschen. Beim längeren Hinschauen merkt man, wie schnell man von deren Begeisterung angesteckt ist. Hier in Kanada ist Sport nicht Mord – sondern die Freizeitgestaltung schlechthin.

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