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Ein Kurztrip in die USA macht unsere Kolumnistin zur Patriotin

Jacqueline Möller
Foto: privat
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Von:

Jacqueline Möller

An: werbinich@tagesspiegel.de

Betreff: Der Kanadier in mir

Eine Woche entspannen, Füße hochlegen und nichts tun. Kein Wecker, der einen morgens aus dem Schlaf reißt. Kein Lernstress. So hatte ich mir meinen Kurztrip nach Dayton, Ohio, zumindest vorgestellt. Sieben Tage sollte ich mit meiner Gastfamilie dort verbringen, um meine Gastschwestern samt ihrem Team bei den World Champion Chips im „Colorguard“ anzufeuern – bei diesem Tanz handelt es sich um eine Mischung aus Akrobatik, Ballett und Theater. Die Reise klang nach einer gelungenen Abwechslung vom tristen Schulalltag. Doch ich hatte nicht damit gerechnet, dass es hektischer werden würde denn je.

Gleich am ersten Tag riss mich der Wecker um 6 Uhr unerbittlich aus dem Schlaf. Und beendete meine Illusion, dass dies eine entspannte Woche werden sollte. Mir blieben 15 Minuten, dann fing auch schon das dreistündige Training vor dem eigentlichen Wettkampf an, zu dem ich meine Gastschwestern natürlich pflichtbewusst begleitete. In Rekordzeit trank ich meinen Kaffee und duschte – dafür hätte ich eigentlich eine Medaille verdient.

An Hochleistungssport grenzte auch mein Bemühen, mich aus der Hektik und dem Drama herauszualten, das die Mädels des 13-köpfigen Tanzteams umgab. Kleine Kabbeleien und Zickigkeiten lassen sich nun mal nicht vermeiden, wenn so viele Frauen zusammenkommen – wer „Highschool Musical“ gesehen hat, weiß, wovon ich spreche.

Doch statt mich darüber aufzuregen, entschied ich mich für einen Abstecher in ein nahe gelegenes Café. Gleich beim Hereinkommen und Begrüßen outete ich mich als Tourist. „Sie haben einen Akzent, wo kommen Sie denn her?", fragte mich die Bedienung. „Eigentlich aus Deutschland, aber zurzeit bin ich als Austauschschülerin in Kanada.“ Schallendes Gelächter. Mitleidige Blicke. „Können Kanadier eigentlich Autofahren oder haben die Schlittenhunde?“, fragte die korpulente Frau hinter dem Tresen. Ich war mir nicht ganz sicher: War das nun ernst gemeint oder ein Scherz? Ich entschied mich für Letzteres. Und witzelte: „Klar, hier in den USA bekommt man mit 16 sein erstes Auto – in Kanada bekommt man mit 16 seinen ersten Schlittenhund.“ Das Gesicht der Bedienung erstarrte mit einem Mal, die Frau wandte sich ihrem Kollegen zu und sagte mit ernster Stimme: „Die armen Kanadier, so hinterher mit der Technik und dem Wetter!“ Im Café wurde es still.

Ich wollte gerade zum Lachen ansetzen, um das beklommene Schweigen zu brechen, als mein Blick auf die Uhr fiel. Für den dringend benötigten Kaffee blieb ach dieser Konversation keine Zeit mehr. Ich schaffte es gerade noch pünktlich zum Bus, der unser Tanzteam zur Wettkampfhalle brachte.

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