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Das Jahr verging schneller, als erwartet. Aber daheim in Berlin hat sich auch viel getan. Unsere Kolumnistin findet sich deshalb nicht gleich zurecht. Aber vielleicht liegt das auch ein wenig an ihr selbst

Jacqueline Möller
Foto: privat
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Von:

Jacqueline Möller

An: werbinich@tagesspiegel.de

Betreff: Altes Leben ganz neu

Mein altes Zimmer sieht unverändert aus, ebenso das Haus meiner Eltern, selbst die Straße, in der es steht, ist unaufgeregt normal. Ich bin zurück in meinem alten Leben, zurück in Berlin, aber beides erscheint mir merkwürdig fremd. Etwas ist anders, etwas, das ich nicht in Worte fassen kann. Der Ort, den ich meinte zu kennen, kommt mir

plötzlich unnahbar vor. Vielleicht liegt das daran, dass dieser Ort schlichtweg nicht mehr meine selbst gewählte Heimat ist. Denn die liegt quer über dem Atlantik, einige tausend Kilometer Luftlinie entfernt.

Wie ein Tourist bestaune ich die Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Doch ich bin nicht hingerissen von ihr. Stattdessen überkommt mich ein Unwohlsein. Ich verspüre Heimweh nach Kanada, nach Vancouver, wo ich ein Jahr lang gelebt habe. Berlin hingegen kommt mir vor wie jemand, den man aus einem früheren Leben kennt.

Dabei habe ich mich während meines Austauschjahres darum bemüht, den Kontakt zu meinen alten Freunden zu halten, mit langen E-Mails, Briefen, Postkarten und über die sogenannten sozialen Netzwerke. Aber all das hat seine Grenzen. Vieles kann man eben doch nicht per Internet zum Ausdruck bringen. Viele meiner alten Mitschüler in Berlin haben sich verändert, einige haben die Schule gewechselt – so wie ich mit meinem Auslandsaufenthalt in Übersee. Als ich ankam in Vancouver, brauchte ich Zeit, um mich von meinem alten Leben zu lösen und mich vorbehaltlos auf die neuen Erfahrungen in der Fremde einlassen zu können. Nun ist es genau umgedreht. Auch hier in Berlin ist die Zeit nicht stehen geblieben. Lange Telefonate bereiten einen auf diese Erkenntnis nicht vor.

Trotzdem bleibe ich optimistisch. Meine schulische Laufbahn nähert sich allmählich dem Ende, und vielleicht war mein Auslandsaufenthalt in Kanada nicht mein letzter. Die Idee, nach dem Abitur ein Semester oder länger in Übersee zu studieren, hat sich jedenfalls schon in meinem Kopf eingenistet. Sie motiviert mich für die verbleibende Zeit bis zum Abi. Bis dahin freue ich mich, Berlin wieder von Neuem kennenzulernen – auch wenn ich dabei stets ein wenig Fernweh verspüren werde. Denn was man einmal ins Herz geschlossen hat, hat dort seinen festen Platz. Deshalb hier ganz offiziell:

Kanada, I love you!

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