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Nachtschichten in der Bibliothek hält unsere Kolumnistin für ein Zeichen von Performanceschwäche. Bis sie selbst welche einlegen muss

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Wlada Kolosowa

An: werbinich@tagesspiegel.de

Betreff: Angstschweiß

Es ist Prüfungswoche an meiner Uni. Ein stummer Panikschrei hängt über dem Campus. In der Bibliothek campieren Studenten und fauchen terrainverteidigend, sobald ein Neuankömmling in Richtung ihrer Ordnerburgen schielt. Angstschweiß liegt in der Luft, und das ist jetzt kein Kolumnistengeschwafel. Ich habe die Existenz dieser Duftnote stets bezweifelt, nun weiß ich: Angstschweiß ist der Schweiß nach einer durchgemachten, ungeduschten Nacht und dem Versuch, das mit Deo zu vertuschen. Woher die Erkenntnis? Ich habe meine erste Nacht in der Bibliothek verbracht.

Anders als meine amerikanischen Mitstudenten glaube ich nicht daran, dass Lernen immer auch Leiden sein muss. Ich habe Nachtschichten am Schreibtisch schon immer für eine Fehlplanung gehalten und nicht für eine Tugend. Schlaf ist für mich nicht Performanceschwäche, sondern eine wichtige körperliche Funktion. Das amerikanische Schulsystem sieht das leider anders. Eigentlich nahm ich mir vor, eine vorbildliche Studentin zu werden. Aber dann kam der Frühling mit allem, was dazugehört. In Berlin wäre er kompatibel mit Uni gewesen. Wenn man nicht gerade eine Einskomma anstrebt, lässt sich Grillen, Freibad und Verknalltheit ganz gut mit dem Stundenplan vereinbaren. Daraus resultierende Lücken im Faktenwissen kann man zu einem gewissen Grad mit Gehirnschmalz stopfen. Hier aber habe ich das Gefühl, dass es gute Noten für Fleiß statt für Grips gibt. Abgefragt werden Fußnoten von Fußnoten, so fühlt es sich an.

Amerikanische Umstände brauchen amerikanische Mittel. Meine Kommilitonin Masha schwört auf „Aderol“, ein verschreibungspflichtiges Medikament für Menschen mit Konzentrationsstörungen. Die Pille, die sie mir gibt, ist blau wie ein Schlumpf. Ihre Wirkung soll sieben Stunden anhalten. Es ist 1.30 Uhr, als ich sie einwerfe. Den Ganzen Tag habe ich Lernstoff auf Kärtchen geschrieben. Der Stapel ist so dick, dass ich ihn kaum mit Zeigefinger und Daumen umfassen kann. Masha verspricht, bis zum Test um 9 Uhr ist er in meinem Kopf.

Wir haben uns zwei Plätze in der Bibliothek erkämpft. Ich gehe meinen Stapel durch, sie ihren. Es ist – wie immer. Nur dass ich erstaunlich wach bin für die Uhrzeit. „Und, wirkt’s schon?“, fragt Masha. „Nö“, sage ich. Ich lasse meine Kärtchen selbst auf dem Weg zum Klo nicht aus der Hand. Erst da merke ich, dass drei Stunden verflogen sind. Ich habe weder mein Telefon gecheckt noch aus dem Fenster gestarrt.

Als ich mit dem Stapel durch bin, ist es draußen hell. Ein Blick auf die Uhr: 9:05. Und da ist er, der Angstschweiß.

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