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Verlieben wollte sich unsere Autorin während ihres Auslandsaufenthaltes nicht. Aber dann kam Kash

Wlada Kolosowa
Foto: privat
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Von:

Wlada Kolosowa

An: werbinich@tagesspiegel.de

Betreff: Kiffen mit klarem Kopf

Ein angeknackstes Herz gehört zu den Souvenirs eines Auslandsjahres wie fremdländische Münzen. Der Austausch ist nicht komplett, wenn man nicht ein Stückchen Herz im Gastland lässt und dafür eines mit nach Hause nimmt. Dass es passieren wird, ahnte ich beim Abflug. Zu oft habe ich schon Post-Erasmus-Tränen getrocknet, um an die eigene Unverwundbarkeit zu glauben.

Ich habe deshalb vorgesorgt. Aus Betroffenengeschichten habe ich mir eine Strategie für den Ernstfall destilliert: Ich werde meinen Rückflug nicht umbuchen. Ich werde nicht versuchen, die Romanze nach Hause zu importieren. Dagegen sträuben werde ich mich aber auch nicht. Zwecklos. Die einzige Handlungsalternative ist also, sich kopfüber in die Romanze stürzen – mit dem Wissen im Hinterstübchen, dass das alles doch nicht so echt ist, wie es sich anfühlt.

Aber dann kam Kash. Und ich hätte mir genauso gut vornehmen können, beim Kiffen einen klaren Kopf zu behalten. Kash stand auf einem Konzert neben mir. Die Sängerin fauchte so hingebungsvoll, dass man ihre Mandeln sah. Ich sagte: Ich hab Angst, dass die das Mikro verschluckt. Er sagte: Was?! Ich: Die Sängerin! Mikro! Er machte ein Fragezeichengesicht und zeigte auf sein Bier. Ich: Nicht Bierflasche! Mikro! Er: Was?! Dann nickte er Richtung Bar.

Den Frühling verbrachten wir ineinandergekeilt auf dem Flachdach seiner Bonzennachbarn. Kash hat heimlich eine Verbindungsbrücke zwischen seinem Badfenster und ihrer Villa gebaut. Er ist Architekt, Deutsche mag er wegen Bauhaus. Wir beide haben Vornamen, die wir Mitmenschen nur in ihrer Kurzform antun können. Die Musik auf unseren Festplatten ist fast deckungsgleich. Das mit uns war Schicksal, was sonst.

Ich weiß, dass die Verliebtheit sich genau deshalb so groß anfühlt, weil ein Verfallsdatum eingebaut ist. Trotzdem habe ich mich neulich dabei erwischt, wie ich einen Satz im Buch von Mascha Kaleko einkreiste: „Sei klug – mach keinen Plan und halte dich an Wunder.“ Seit ich Mama von Kash erzählt habe, ruft sie doppelt so oft an. Sie möchte ihr unzurechnungsfähiges Kind vor sich selbst schützen. Ich durchschaue genau, was vorgeht, sage ich. „Und Medizinstudenten sterben also nie an Grippe?“ Sprach Mutter und stornierte meine Reiserücktrittsversicherung. Sicher ist sicher.

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