World Wide WEG : Runde Sache

Für das eigene Geld zu arbeiten, ist anstrengend. Unser Autor betreibt dafür Feldforschung

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Kostet Kraft. Julius bei der Arbeit.Foto: privat

Von: Julius Wolf

An: werbinich@tagesspiegel.de

Betreff: Runde Sache

Fünf Uhr dreißig am Morgen, mein Wecker klingelt. An die Wand sollte ich das Mistding werfen. Ich brauche zehn Minuten, um mich aufzuraffen. Was mich erwartet, macht das Aufstehen nicht einfacher. Neun Stunden Melonenpflücken. In Shamrock-Gardens-Farm, „Australias Finest Watermelons“. Das mache ich jetzt seit geraumer Zeit. Die können noch so fein sein, ich kann die Drecksmelonen nicht mehr sehen. Und inzwischen ist es Sommer geworden. Nicht so ein Sommer wie in Berlin, in dem man schulfrei bekommt bei 28 Grad. 28 Grad, das ist hier fast Pulloverwetter. Bis Dezember soll es um die 50 Grad werden. Da gedeihen Melonen besonders gut. Bis zu 25 Kilo schwer werden die hier. Liegt aber auch an den Wachstumsverstärkern, die säckeweise ins Bewässerungssystem gekippt werden.

Es gedeiht auch noch was anderes gut bei 50 Grad: Fliegen. Große, widerliche und todesdreiste Fliegen. Bevorzugte Landestellen: Augen, Ohren, Mund und Nase. Wer kein Fliegennetz trägt, schluckt alle zwei Minuten Fleisch. Selbst wenn die Arme wie Propeller um den Kopf wirbeln. Unter den Fliegennetzen ist es allerdings unerträglich heiß. Ich hab mich trotzdem für die fliegenfreie Hitze entschieden. Man hat die Hände selten frei, um die Viecher zu verjagen.

Zuerst müssen die Melonen untersucht werden. Der Klang muss resonant sein. Sie sollten groß genug sein. Ein gelber Wasserfleck, dort wo die Melone am Boden lag, ist empfehlenswert. All das muss schnell überprüft werden, der Traktorfahrer wartet nicht. Er zieht einen großen Anhänger mit 16 Boxen ungefähr in Schrittgeschwindigkeit. In eine Box passen um die 80 Melonen, sie wiegt dann rund 500 Kilo. Pro Tag werden sechs oder mehr solcher Anhänger gefüllt. Von sechs Pflückern. Macht insgesamt etwa 48 Tonnen Melonen. Also hebt jeder Pflücker mindestens 5 Tonnen täglich. Ich war immer grauenvoll in Mathe, aber in neun Stunden hat man viel Zeit zum Kopfrechnen. Nie wieder soll ein Wort des Unwillens über meinen gemütlichen Job in der Küche des Café Lentz in Berlin über meine Lippen kommen. Danach konnte ich wenigstens noch in einen Club gehen. In Shamrock schaue ich nach dem Abendessen maximal noch einen Film, und dann bin ich weg. Bis um fünf Uhr dreißig wieder ein hitziges Verlangen aufkommt, etwas an die Wand zu werfen. Trotzdem weiß ich, wofür ich schufte. Wenn Ende Dezember die Saison vorbei ist, dann werde ich viel Geld haben, um zu feiern. Mal sehen, wie gnädig der Weihnachtsbonus ausfällt, vielleicht muss ich dann bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland überhaupt nicht mehr arbeiten.

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