World Wide WEG : Unsere neue Kolumne

Der Unterricht in Kanada könnte aus Nähen und kreativem Schreiben bestehen - wenn da nur nicht das schlechte Gewissen wäre. Und die Angst vor dem Abi in Berlin

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Platz da! Jacqueline in ihrer neuen Schule.Foto: privat

Von: Jacqueline Möller

An: werbinich@tagesspiegel de

Betreff: Stundenplan

So habe ich mir Lernen immer gewünscht: in einem Schulsystem, das einem nichts vorschreibt, noch nicht mal die Anwesenheit. In dem man nach Belieben exotische Fächer wählen und auf „Standardfächer“ verzichten kann. Kein Mathe mehr, kein Chemie. Alles Unliebsame einfach bei Seite lassen, um sich unbeschwert auf den Schulalltag einzustimmen. Klingt verlockend. Und genau so könnte ich hier in Kanada handeln. Wenn da nur nicht das schlechte Gewissen wäre. Und das Problem mit der Rückkehr am Ende meines Schüleraustauschs. Wie soll ich im Abitur meinen Lehrern in Berlin erklären, dass ich ein Jahr kein Mathe hatte? Die eigene Vernunft macht meinen Traum leider zunichte.

Nach deutschen Maßstäben sieht mein Stundenplan mehr als merkwürdig aus: Theater, kreatives Schreiben, Nähen, ein bisschen Mathe, Physik und Sport. Gerade war ich noch in Berlin, nun bin ich ein paar Tausend Kilometer entfernt und fühle mich wie in einer fremden Welt. Einer wuseligen Welt. In der Schule herrscht reges Gedränge, auf den Fluren drücken sich Mitschüler an den Schließfächern vorbei in ihre jeweiligen Kursräume. Ich halte mich an einem Lageplan fest, den mir ein Lehrer mit einem wissenden Lächeln in die Hand gedrückt hat. Ich bleibe trotzdem alle paar Meter stehen und erkundige mich nach dem Weg zu meinem Unterrichtsraum. An das Labyrinth aus Gängen muss ich mich erst noch gewöhnen. Es dauert ewig, bis ich mein Klassenzimmer endlich finde. Auf den ersten Blick erinnert mich der Raum mehr an ein Wohnzimmer. An den Wänden hängen Filmplakate, ein massiver Schreibtisch ist quer zur Klasse gestellt. In ordentlichen Reihen sind Einzeltische aufgestellt, es handelt sich dabei um Konstruktionen, die man aus einschlägigen Highschool-Filmen kennt: Stühle, an denen ein schmales Brett befestigt ist, das man zum Schreiben aufklappen kann. Knapp 30 Schüler sitzen bereits an ihren Tischen, während ich versuche, einen freien Platz auszumachen. Als ich schließlich sitze, dreht sich vor mir ein schwarzhaariger Junge um: „Du kommst aus Europa, nicht?“ Überrascht schaue ich ihn an und frage, woher er das weiß. „Deine Kleidung!“ Ich blicke mich um und stelle fest, dass alle anderen wesentlich sportiver angezogen sind. Auch die Mädchen laufen hier in Jogginganzug und Turnschuhen herum. Die kanadische Jugend scheint es eher locker und leger zu mögen. Ich dagegen trage Jeans und Pulli und falle damit ziemlich auf. Vielleicht sollte ich mich ein bisschen anpassen? Deshalb steht mein Entschluss fest, gleich morgen einkaufen zu gehen. Es kann doch wohl nicht sein, dass man mir meine europäische Herkunft schon ansieht, ohne dass ich auch nur ein Wort gesagt habe.

Noch mehr Mitschüler drehen sich um und wollen wissen, aus welchem Land ich komme. Bei der Frage, wo Deutschland denn genau liegt, muss ich schmunzeln. Die Leute hier haben teilweise keine Ahnung von Geografie. Es bestätigt sich eines der Vorurteile, von denen ich mich vor meiner Reise frei machen wollte.

Gegen Ende der Stunde werden wir von einer Lautsprecherdurchsage unterbrochen, die „Morning Pronouncement“ mit Terminen und Organisatorischem. Gleich danach läutet die Schulglocke und ich habe meine erste Stunde hinter mich gebracht.

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